Wenn wir über den Berg sind, geht's bergab. Wolfgang Schäuble

Lecker Labor-Steak

Die Zukunft des Fleisches kommt ohne Tiere aus. Die Alternative aus der Petri-Schale ist gewöhnungsbedürftig, aber genial.

Die globale Fleisch-Nachfrage wird in den kommenden Jahrzehnten noch um rund 70 Prozent steigen. Das zwingt uns, kosten- und ressourcenschonende Alternativen der Produktion zu suchen. Die Idee, Fleisch im Labor herzustellen, kam erstmals vor 80 Jahren auf. Doch erst heute ist es technisch möglich, Fleisch aus einer kleinen Anzahl spezieller Stammzellen von Skelettmuskeln zu züchten. So können wir die Fleischproduktion revolutionieren.

Ursprünglich wurde die Technik, Gewebe und Zellen zu züchten, erfunden, um defekte Organe oder Gewebe bei Menschen zu ersetzen. Aber man kann mit ihr auch essbares Fleisch aller Tierarten herstellen, die Stammzellen in ihrer Skelettmuskulatur aufweisen. Dazu zählen Säugetiere, Vögel und Fische. Unsere Forschergruppe von der Universität Maastricht hat vor einem Jahr den ersten Beweis für im Labor gezüchtetes Rindfleisch geliefert. Da die Rindfleischherstellung den negativsten Effekt auf Ernährungssicherheit und Umwelt hat, ist sie das logische erste Ziel für die Forschung an synthetischem Fleisch.

Wenn wir die Wachstumsbedingungen von Zellen und Gewebe streng kontrollieren, können wir künftig Rindfleisch mit weniger Ressourcen herstellen als bisher. Um das zu beweisen, muss zunächst die Labor-Fleischproduktion ausgeweitet werden. Nur so wird eine rationale Produktentwicklung und -bewertung möglich. Nur so können sensorische Fragen (schmeckt das Fleisch gut?) und regulative Punkte (wie sicher ist das Produkt, und inwiefern muss es gekennzeichnet werden?) wirklich geklärt werden.

Wer isst synthetisches Fleisch?

Unsere Technologie hat einen positiven Effekt auf Ernährungssicherheit, Umwelt- und Tierschutz. Sie wirft aber auch kritische Fragen auf. Manche der Antworten sind recht einfach, bedürfen jedoch einer geschickten und gewissenhaften Kommunikation. Hier einige in Kürze: Ist die Technologie sicher? Jedes neue Produkt ist Gegenstand von Sicherheitskontrollen, damit der Konsument ihm vertrauen kann. Gibt es Sicherheitsbedenken, kommt unser Fleisch nicht auf den Markt.

Wird Laborfleisch mit Gentechnik hergestellt? Der Widerstand gegen gentechnisch modifizierte Organismen in Europa ist groß. Er betrifft unser Produkt aber nicht. Das Fleisch ist zwar synthetisch, aber nicht mit Gentechnik hergestellt. Werden die Bauern ihr Einkommen verlieren? Landwirte, deren Einkommen auf der Fleischproduktion beruht, werden genug Zeit haben, sich dem neuen Markt anzupassen. In den meisten Fällen werden sie unserer Meinung nach dazu übergehen, andere landwirtschaftliche Produkte herzustellen, um der generell steigenden Nachfrage für Nahrungsmittel zu begegnen.

Die schwierigste Frage ist allerdings: Werden die Menschen synthetisches Fleisch auch essen wollen? Die Philosophen Cor van der Weele and Clemens Driessen (Koautoren dieses Textes, Anm. d. Red.) untersuchen die Reaktion verschiedener Zielgruppen auf synthetisches Fleisch. Fast alle Befragten finden die Idee zunächst überraschend und befremdlich. Aber viele erwähnen noch im gleichen Atemzug – zum Teil recht plastisch – die Nachteile von herkömmlichem Fleisch: Die intensive Landwirtschaft produziere „Berge von Scheiße“, Schweine zerstörten durch ihr importiertes Futter den Regenwald. Auch die Tatsache, dass bei der Fleischproduktion mit Hormonen und Antibiotika „gepantscht“ werde, kommt zur Sprache. Der Tierschutz in der Massentierhaltung bereitet den Befragten neben Gesundheitsthemen die größten Sorgen.

Laborfleisch verdient eine Chance

Doch während die meisten Menschen ihren eigenen Fleischkonsum infrage stellen, haben sie trotzdem Schwierigkeiten, weniger davon zu essen. Diese weit verbreitete Ambivalenz unter Menschen, die in ihrem Alltag glückliche Fleischesser zu sein scheinen, ist bemerkenswert. Aufgrund ihrer verschiedenen Bedenken sagt die Mehrheit der Studienteilnehmer, dass Laborfleisch es verdiene, ausprobiert zu werden.

Zu unserer anfänglichen Verwunderung war dieses Gefühl von Unbehagen und Ambivalenz gegenüber der herkömmlichen Fleischproduktion bei älteren Menschen stärker. Aber im Grunde hat das durchaus Sinn: Die Älteren vergleichen unsere heutigen Essgewohnheiten mit denen, die sie aus ihrer Kindheit und Jugend kennen. Damals habe man weit weniger Fleisch, aber dafür mit besserer Qualität gegessen, sagen viele von ihnen. Im Vergleich mit der Vergangenheit relativiert sich für die älteren Befragten auch das Unbehagen gegenüber synthetischem Fleisch: „Margarine war zuerst auch sehr seltsam. Man gewöhnt sich an fast alles“, sagen manche.

Während die Befragten sich selbst nicht unbedingt als die Pioniere eines Umbruches ansehen, hoffen sie doch auf neue und gemeinwohlorientierte Lösungen für das Problem Fleisch. Da sieht das Laborfleisch plötzlich vielversprechend aus: „McDonald’s sollte das probieren.“ Für Menschen, die beruflich mit Essen zu tun haben, birgt diese potenzielle Lösung aber auch weitere Ambivalenzen. Sie bezweifeln, dass Laborfleisch dazu beitragen kann, eine respektvolle und natürliche Verbindung mit unserem Essen aufzubauen – etwas, das sie als tiefes und fundamentales Problem sehen.

Es gibt also ein generelles Unbehagen gegenüber dem Fleischkonsum. Doch es paart sich mit einer sehr begrenzten Bereitschaft, das eigene Verhalten zu ändern, während gleichzeitig auf eine attraktive, gemeinwohlorientierte Lösungen gehofft wird. Das deutet unserer Meinung nach darauf hin, dass durchaus Raum für alternative Methoden der Fleischproduktion existiert. Diese müssen nur vorsichtig eingeführt und entwickelt werden – mit einer großen Sensibilität für die rationalen und emotionalen Bedenken der Konsumenten.

Der Artikel wurde gemeinsam mit den Wissenschaftlern Cor van der Weele und Clemens Driessen verfasst. Übersetzung aus dem Englischen von Marie Löwenstein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Carl-Albrecht Bartmer, Christian Meyer.

Fleisch

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2015.

Darin geht es u.a. um die Zukunft des Fleisches. Wir führen eine Debatte darüber, was morgen auf den Teller kommt. Dazu: Eine Bilanz nach sechs Monaten Mindestlohn, die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland, das zweifelhafte Phänomen des Massentourismus und die Digitalisierung des Museums.

Sie können es hier direkt bestellen.

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von Alexander Görlach
31.07.2015

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