Die FDP existiert nur noch als aufblasbare Attrappe. Heribert Prantl

Von Unis Gnaden

In keinem Land ist der Anteil der Parlamentarier mit Doktortitel so hoch wie in Deutschland. Meistens steht dabei nicht die wissenschaftliche Kompetenz im Vordergrund. Es geht um die Karriere und den Status. Doch Führungskompetenz lässt sich nicht im Archiv finden.

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Die anhaltende Debatte über den Rücktritt von Ex-Dr. zu Guttenberg wird bislang als eine mehr oder weniger unterhaltsame Mischung aus detektivischer Spurensuche und moralischer Taxierung geführt. Während diese Aspekte inzwischen wirklich ausgereizt sind, wird die Frage nach der Motivation für Politiker und Manager „den Doktor zu machen“ bislang eher am Rande diskutiert. Guttenberg steht exemplarisch für die Promotion aus Karrieremotiven, er ist damit Teil eines breiten gesellschaftlichen Phänomens – ein Phänomen allerdings, das in Deutschland viel stärker ausgeprägt ist als in anderen Staaten.

So ist der Anteil von 119 promovierten von insgesamt 621 Abgeordneten im internationalen Vergleich ausgesprochen hoch. Im US-Repräsentantenhaus finden sich 23 PhDs unter 435 Mitgliedern, im Senat beträgt die Anzahl null! Amerikanischer Anti-Intellektualismus scheint aber nicht die Ursache hierfür zu sein – auch in Frankreich (28 von 577) oder Großbritannien (18/650) sind Doktortitel seltener und werden zudem auch nicht derart plakativ in den Vordergrund gerückt. Der Anteil von Promovierten ist in Deutschland etwa vier Mal so hoch wie in den Vergleichsländern!

Athen an der Spree?

Nun hat Berlin zwar Spree-Athen als Spitznamen, aber niemand würde behaupten, dass die Berliner Republik sich durch ein besonders entwickeltes intellektuelles Klima auszeichnet oder die Abgeordneten sich als Gemeinschaft von „praktischen Akademikern“ verstehen. Für Guttenberg wie für viele andere ist die Promotion eher ein Baustein einer rationalen Karriereplanung und wird in Angriff genommen, während der Karrierepfad außerhalb der Wissenschaft schon längst eingeschlagen ist.

Der Doktortitel ist ein Element einer rationalen Karriereplanung, vielleicht nicht der wichtigste, aber besser zu haben als nicht. Wenn 63 Prozent (69 Prozent mit Guttenberg) der Kabinettsmitglieder einen Doktortitel haben (im Vergleich zu 19 Prozent der Mitglieder des Bundestages), dann liegt der Anreiz für ambitionierte junge Abgeordnete auf der Hand … – „ein Doktor könnte helfen“.

Praxis statt Promotion

Dabei scheint allen klar zu sein, dass die mit der Erstellung der Doktorarbeit erworbenen Qualifikationen kaum die Zutaten sind, die einen erfolgreichen Politiker ausmachen. Die sozialen und intellektuellen Fähigkeiten eines Volksvertreters werden kaum in Doktorandenprogrammen gelehrt – und man kann sie großenteils ohnehin nur in der politischen Praxis lernen.

Auch die Qualitäten, die es braucht, um ein Ministerium zu leiten, unterscheiden sich erheblich von denen, die einen guten Wissenschaftler ausmachen – eine Tatsache, die in der öffentlichen Diskussion immer wieder zur Verteidigung von Guttenberg angeführt wurde und sich auch in Umfrageergebnissen mit hohen Unterstützungswerten für Guttenberg widerspiegelt. Möglicherweise spielt die mit der Doktorarbeit erworbene Kompetenz für einzelne Fachpolitiker eine Rolle – der Arzt als Gesundheitsexperte, beispielsweise. Aber das ist eher die Ausnahme als die Regel.

Der Kommentar entstand in Zusammenarbeit mit Prof. Kai Wegrich. Seine Antwort lesen Sie hier.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kai Wegrich, Ernst Elitz, Florian Keisinger.

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