Von Unis Gnaden

von Mark Kayser9.03.2011Innenpolitik, Medien

In keinem Land ist der Anteil der Parlamentarier mit Doktortitel so hoch wie in Deutschland. Meistens steht dabei nicht die wissenschaftliche Kompetenz im Vordergrund. Es geht um die Karriere und den Status. Doch Führungskompetenz lässt sich nicht im Archiv finden.

Die anhaltende Debatte über den Rücktritt von Ex-Dr. zu Guttenberg wird bislang als eine mehr oder weniger unterhaltsame Mischung aus “detektivischer Spurensuche(Link)”:http://www.theeuropean.de/hugo-mueller-vogg/5873-guttenberg-und-seine-gegner und moralischer Taxierung geführt. Während diese Aspekte inzwischen wirklich ausgereizt sind, wird die Frage nach der Motivation für Politiker und Manager „den Doktor zu machen“ bislang eher am Rande diskutiert. Guttenberg steht exemplarisch für die Promotion aus Karrieremotiven, er ist damit Teil eines breiten gesellschaftlichen Phänomens – ein Phänomen allerdings, das in Deutschland viel stärker ausgeprägt ist als in anderen Staaten. So ist der Anteil von 119 promovierten von insgesamt 621 Abgeordneten im internationalen Vergleich ausgesprochen hoch. Im US-Repräsentantenhaus finden sich 23 PhDs unter 435 Mitgliedern, im Senat beträgt die Anzahl null! Amerikanischer Anti-Intellektualismus scheint aber nicht die Ursache hierfür zu sein – auch in Frankreich (28 von 577) oder Großbritannien (18/650) sind Doktortitel seltener und werden zudem auch nicht derart plakativ in den Vordergrund gerückt. Der Anteil von Promovierten ist in Deutschland etwa vier Mal so hoch wie in den Vergleichsländern!

Athen an der Spree?

Nun hat Berlin zwar Spree-Athen als Spitznamen, aber niemand würde behaupten, dass die Berliner Republik sich durch ein besonders entwickeltes intellektuelles Klima auszeichnet oder die Abgeordneten sich als Gemeinschaft von „praktischen Akademikern“ verstehen. Für Guttenberg wie für viele andere ist die Promotion eher ein Baustein einer rationalen Karriereplanung und wird in Angriff genommen, während der Karrierepfad außerhalb der Wissenschaft schon längst eingeschlagen ist. “Der Doktortitel ist ein Element einer rationalen Karriereplanung(Link)”:http://www.theeuropean.de/heribert-prantl/5887-politik-und-glamour, vielleicht nicht der wichtigste, aber besser zu haben als nicht. Wenn 63 Prozent (69 Prozent mit Guttenberg) der Kabinettsmitglieder einen Doktortitel haben (im Vergleich zu 19 Prozent der Mitglieder des Bundestages), dann liegt der Anreiz für ambitionierte junge Abgeordnete auf der Hand … – „ein Doktor könnte helfen“.

Praxis statt Promotion

“Dabei scheint allen klar zu sein, dass die mit der Erstellung der Doktorarbeit erworbenen Qualifikationen kaum die Zutaten sind, die einen erfolgreichen Politiker ausmachen(Link)”:http://www.theeuropean.de/margaret-heckel/5879-guttenbergs-ruecktritt. Die sozialen und intellektuellen Fähigkeiten eines Volksvertreters werden kaum in Doktorandenprogrammen gelehrt – und man kann sie großenteils ohnehin nur in der politischen Praxis lernen. Auch die Qualitäten, die es braucht, um ein Ministerium zu leiten, unterscheiden sich erheblich von denen, die einen guten Wissenschaftler ausmachen – eine Tatsache, die in der öffentlichen Diskussion immer wieder zur Verteidigung von Guttenberg angeführt wurde und sich auch in Umfrageergebnissen mit hohen Unterstützungswerten für Guttenberg widerspiegelt. Möglicherweise spielt die mit der Doktorarbeit erworbene Kompetenz für einzelne Fachpolitiker eine Rolle – der Arzt als Gesundheitsexperte, beispielsweise. Aber das ist eher die Ausnahme als die Regel. _Der Kommentar entstand in Zusammenarbeit mit Prof. Kai Wegrich. Seine Antwort lesen Sie “hier”:http://www.theeuropean.de/kai-wegrich/5967-niveau-der-dissertationen_.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Statt Zuwanderungsromantik lieber richtige Politik

Für viele Beschäftigte sind Kontrollverlust durch Kontrollverzicht und Staatsversagen in der Ausländerpolitik tägliche Lebensrealität. Deshalb sind viele Kolleginnen und Kollegen stinksauer über diese Art von Politik. Und wählen gar nicht mehr oder eben anders. Beides ist ihr gutes Recht.

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu