Revolution ohne Namen

von Mark Fisher7.05.2014Gesellschaft & Kultur

Der Kommunismus ist diskreditiert und kann uns nicht retten. Erst ein heute noch namenloses Verlangen wird einst die Ketten des Kapitalismus sprengen.

„In unserem Zeitalter“, propagierte der damalige sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow 1959 im Moskauer Lenin-Stadion „werden die jahrhundertealten Träume der Menschheit –Träume, von denen man kaum zu fantasieren vermag – durch Menschenhand zur Realität.“

Das Zitat verbildlicht, dass das Ende des Kommunismus nicht nur das Ende einer politischen Ideologie bedeutete. Mit dem Kommunismus haben wir auch die Hoffnung einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung begraben. Der US-amerikanische Literaturtheoretiker Michael Hardt behauptet gar, dass der im Kommunismus gepredigte Verzicht auf Privateigentum eine neue, autonome Menschheit gestalten könnte und mit ihr neue Wege des Sehens, des Hörens, des Denkens, ja, sogar des Liebens.

Die Vormachtstellung dessen, was ich als „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative“ bezeichne – die weitläufige Akzeptanz, dass es heute keine Alternative zum Kapitalismus gibt – , beendete diesen Traum einer neuen menschlichen Entwicklung. Wir stecken in der Endlosschleife und sind auf ewig dazu verdammt, auf dieselbe Art zu denken, zu fühlen, zu lieben. Die einzige Zukunft, die der Kapitalismus uns liefern kann, ist die Technologie. Unsere Zeitrechnung beruft sich schließlich nicht auf den kulturellen, sondern auf den technologischen Fortschritt. Doch wir merken nicht, dass sich nur die Bildschirme vergrößern und verbessern, der Inhalt aber der gleiche bleibt.

Wir erwarten nichts mehr

Dieser stoische Blick auf die Realität, der durch die Dominanz des Kapitalismus gefördert wurde, hat uns in eine gesellschaftliche Depression gestürzt. Unsere Hoffnungen und Erwartungen liegen niedrig. Wir glauben nicht mehr daran, dass noch irgendetwas irgendwann passieren wird. Auch die Ereignisse der Vergangenheit haben ihren Zauber verloren und wirken heute längst nicht mehr so berauschend. Schlussendlich verfallen wir in Resignation und glauben nicht mal mehr daran, dass irgendwann überhaupt etwas passiert ist, was von Bedeutung war. Diese Depression ist heute längst normal, und wir sind zu blind, um dies zu erkennen. Wir erwarten nichts mehr, die Zeit verflacht.

Wegen dieser Depression ist seit der Bankenkrise 2008, dieser großen kapitalistischen Krise, so wenig passiert. Doch diese Lethargie der Gesellschaft ist keinesfalls nur eine Konsequenz des Kapitalismus. Sie ist ebenso Ursache und Symptom des Zerfalls der Klassensolidarität. Man müsste schon bis ins tiefe 19. Jahrhundert zurückgehen, um einen derart großen Mangel an Klassenzusammenhalt zu finden, wie wir ihn heute erleben. Nicht nur die Kapitalisten haben die Klassensolidarität zu Grabe getragen, auch die Linke hatte nach 1968 keinen Gebrauch mehr für dieses „altmodische“ Konzept. Dabei existieren die sozialen Gräben von damals auch heute noch. Noch immer werden die meisten Menschen als minderwertig angesehen und unterlegen behandelt. Die Klassengesellschaft lebt weiter, das Klassenbewusstsein ist jedoch tot.

In den 1960er-Jahren spaltete sich die Linke in zwei Lager. Auf der einen Seite gab es den autoritären und nostalgischen Leninismus mit Parteistrukturen und Klassenkampf, dessen Zeit längst abgelaufen ist. Auf der anderen Seite entwickelte sich eine angeblich „neue“ Linke, die nichts mehr mit politischen Institutionen und dem Konzept des Klassenkampfes anfangen konnte, sondern sich der Idee verschrieb, dass die Menschen sich autonom und außerhalb der kapitalistischen Ordnung produzieren und sich mobilisieren können. Diese Spaltung, diese Zweiheit der Linken, hat dem Siegeszug des Kapitalismus den Weg geebnet und muss mit allen Mitteln bekämpft werden.

Klar ist aber: Wir können heute genauso wenig zum politischen Leninismus zurück wie zum Kapitalismus à la Ford. Denn auch die „neue“ Linke hat mit ihrem naiven Autonomismus versagt.

Die antikapitalistischen Strategien – besetzen, protestieren, boykottieren – haben dem Kapitalismus selbst in seiner größten Krise kein Kopfzerbrechen bereitet. Die 68er predigten noch, dass Strukturen nicht auf der Straße zu finden sind. Der heutige Antikapitalismus zeigt uns, dass die Stimmen der Straße wenig Einfluss auf die Strukturen haben.

Eine Zukunft frei vom Kapitalismus

Wir müssen uns aber nicht zwischen Klassenpolitik oder Anti-Autoritarismus, zwischen Gramsci oder Deleuze, entscheiden. Wir müssen dafür sorgen, dass Klassenpolitik wieder erneuert und diskutiert wird, anstatt sie einfach wiederzubeleben, als sei nichts passiert. Nur so kann sich etwas tun. Die Linke muss sich der Institutionen wieder annehmen. Die Medien beeinflussen die Ansichten der Menschen, und die nationalen Parlamente diktieren nach wie vor unser Leben. Hier müssen wir agieren und diese Institutionen von außen prägen. Momentan wird unsere Willenskraft jedoch von der PR-Armee der Kapitalisten in Ketten gehalten.

Die Linke muss eigene Wege finden, diese Ketten zu sprengen und die Menschen zu mobilisieren – auch wenn es auf den ersten Blick ein Kampf gegen eine Übermacht an Kapital und Ressourcen ist. Wir müssen uns bewusst werden, dass es kein natürliches Verlangen nach Kapitalismus gibt. Er nutzt seine Vormachtstellung nur dazu, uns dies glauben zu lassen und uns weiterhin in Ketten zu halten.

Wir sollten uns nicht länger nur als Gegenmodell zum Kapitalismus verstehen. Eine eigenständige Ideologie muss her. Den Kommunismus sollten wir hierfür aber nicht wiederbeleben, denn ihm haftet ein negatives Image an. Die schrecklichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben ihn diskreditiert.

Unser Verlangen mag momentan noch namenlos sein, real ist es trotzdem. Es ist ein Verlangen nach einer besseren Zukunft, frei von den Sackgassen und Endlosschleifen des Kapitalismus. Der Rohbau dieser Zukunft steht schon, nun ist es an uns ihn zu vervollständigen.

Noch gibt es keinen Namen für unser Verlangen. Aber wenn er erscheint, werden wir ihn erkennen.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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