Beschneidet die doppelte Widerspuchslösung bei der Organspende unsere Freiheit?

von Mario Tafferner21.12.2018Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Spahns Vorschlag wird unweigerlich dazu führen wird, dass Menschen ohne informierte Einwilligung zu Organspendern werden. In dieser Weise wird die Freiheit und Autonomie der in Deutschland lebenden Menschen beschnitten, so Mario Tafferner.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt sich dafür ein, dass die Zahl der Organspenden in Deutschland steigt. Bis Mitte 2019 soll eine neue Regelung im Bundestag entstehen, gemäß derer jeder Mensch in Deutschland automatisch als Organspender gelten würde. Bisher war es jedem Menschen freigestellt, ob er Organspender werden möchte oder nicht. Nur auf Grundlage der ausdrücklichen Zustimmung eines Betroffenen oder dessen Angehörigen durfte man einem durch Hirntod in Frage kommenden Betroffenen Organe zur Spende entnehmen.

Spahn möchte die Freiheit der in Deutschland lebenden Menschen durch seinen Vorschlag jedoch nicht einschränken. Es geht ihm darum, dass die Zahl der Organspenden in Deutschland steigt. Durch einen Wandel im bisherigen Verfahren könne man, so Spahn, mehr Leben retten. Organspende soll daher zum Normalfall werden. Um dieses Anliegen zu erreichen und gleichzeitig die menschliche Freiheit zu bewahren, spricht Spahn sich für eine sogenannte „doppelte Widerspruchslösung“ aus, gemäß derer ein Mensch nur dann als automatischer Organspender gilt, insofern er diesem Zustand nicht ausdrücklich widersprochen hat. In dem Falle, dass der Betroffene es in der Vergangenheit verpasst hat, einen solchen Widerspruch einzulegen, sollen zusätzlich auch die Angehörigen befragt werden, ob nicht doch ein Widerspruch zur Spende bestehe. Durch diesen doppelten Widerspruch, so Spahn, würde das Recht zur Selbstbestimmung nicht eingeschränkt, denn „[d]as einzige Recht, das damit beschnitten würde, wäre das Recht, sich keine Gedanken zu machen.“ (1)

In einem jüngst auf Zeit-Online erschienen Aufsatz spricht sich auch der Mediziner Jakob Simmank dafür aus, dass Spahns Vorschlag die Freiheit des Menschen nicht beschneidet. Rhetorisch wirksam bekennt sich Simmank zu Beginn seines Artikels zu einem liberalen Weltbild. Daraufhin argumentiert er, dass die doppelte Widerspruchslösung den Menschen nicht dazu zwingt, Organe zu spenden. Sie zwinge ihn lediglich dazu, „sich zu entscheiden, was dringend nötig ist“. (2) Ziel sei somit eine Durchbrechung der Ignoranz.

Nun geht es in Spahns Vorschlag nicht um Entscheidungen oder Ignoranz. Es geht um Organspenden. Der doppelte Widerspruch ist für Spahn lediglich ein Mittel, um das Prinzip der Freiheit des Menschen zu wahren. Wer keinen Einspruch eingelegt hat oder wessen Angehörige in Bezug auf Organspende anders denken als man selbst, der kann im tragischen Fall eines Hirntods auf Grundlage von Spahns Vorschlag tatsächlich zur Organspende gezwungen werden.

Kann die doppelte Widerspruchslösung somit wirklich die Freiheit des Menschen wahren, sich für oder gegen eine Organspende zu entscheiden? Während man mit dem Wunsch nach mehr geretteten Leben sympathisieren sollte, muss auch gefragt werden, ob Spahns Vorschlag nicht doch das ethische Prinzip der Autonomie verletzt.

An dieser Stelle sollte angemerkt werden, dass Spahns Vorschlag auf zwei problematischen Annahmen ruht. Zum einen wird hier vorausgesetzt, dass jeder in Deutschland lebende Mensch über die Informationen und die intellektuellen Fähigkeiten verfügt, um einen aktiven Widerspruch einzulegen. Zum anderen wird hier ein Menschenbild zugrunde gelegt, dass einem freiheitlichen Verständnis des Menschen widerspricht.

In der Geschichte der Bioethik hat sich die menschliche Freiheit in enger Verbindung mit dem Prinzip der informierten Einwilligung als wichtiger Pfeiler der ethischen Entscheidungsfindung herauskristallisiert. Diese Prinzipien wurden vor dem geschichtlichen Hintergrund medizinischer Experimente am Menschen formuliert und in Deklarationen wie der Helsinki Declaration vom Weltärztebund als verpflichtend angenommen. Gerade im Blick auf das dunkelste Zeitalter unserer deutschen Geschichte gilt es, die Freiheit und Autonomie des Menschen im medizinischen Bereich aufrecht zu erhalten.

Um ebendiese Freiheit zu wahren, muss das Prinzip der informierten Einwilligung gelten. Hierbei geht es darum sicherzustellen, dass Entscheidungen im medizinischen Bereich nicht auferlegt werden, sondern wirklich den Willen des Patienten darstellen. (3) Nun ist Spahns Vorschlag zur verpflichtenden Organspende mit doppelter Widerspruchslösung eine vom Staat dem Menschen auferlegte medizinische Entscheidung, die die informierte Einwilligung des möglichen Spenders nicht braucht. Der Staat entscheidet anstelle des einzelnen Menschen. In diesem Punkt stellt sich Spahn gegen klar definierte bioethische Prinzipien, die der Weltärztebund in der Vergangenheit formuliert hat, um Patienten vor Missbrauch zu schützen.

In der Folge wirft diese Beobachtungen weitere ethische Fragen auf. Darf ein Staat in solcher Weise über den Körper der im Staat lebenden Menschen verfügen? Ist es realistisch, dass Menschen sich in öffentlicher Weise gegen eine staatliche Entscheidung stellen, die das Ziel hat, Leben zu retten? Oder muss man davon ausgehen, dass eine solche staatliche Regelung ein gesellschaftliches Narrativ schafft, dem man sich als Einzelner nur schwer entziehen kann?

Man sollte sich einmal vorstellen, dass Prinzip der informierten Einwilligung würde in einem anderen Bereich der Ethik so grundlegend beschnitten werden. Aus der Perspektive der Sexualethik wird z.B. deutlich wie wichtig die Eigenbestimmung über den eigenen Körper im Gegensatz zu einer Fremdbestimmung ist.

Ausgehend von dieser Verzerrung des freiheitlichen Verständnisses des Menschen wird ein weiterer Problembereich deutlich. Damit die doppelte Widerspruchslösung tatsächlich greifen kann, muss gewährleistet sein, dass jeder in Deutschland lebende Mensch die notwendigen Informationen und Fähigkeiten besitzt, um einen informierten Widerspruch einzulegen. Diese Schwierigkeit ergibt sich ja gerade durch die Breite des Vorschlags von Jens Spahn. Was ist mit Menschen mit Behinderungen? Wie soll man mit Menschen aus bildungsfernen Kontexten umgehen? Was ist mit Menschen, die keinen geregelten Informationszugang haben wie z.B. Obdachlose?

Aus diesen Überlegungen wird ersichtlich, dass die Annahme von Spahns Vorschlag unweigerlich dazu führen wird, dass Menschen ohne informierte Einwilligung zu Organspendern werden. In dieser Weise wird nicht nur die Freiheit und Autonomie der in Deutschland lebenden Menschen beschnitten, sondern es wird auch in Kauf genommen, dass in unserem Land medizinische Eingriffe am Menschen vorgenommen werden, die nicht notwendigerweise auf der informierten Einwilligung des Patienten beruhen. Genau an dieser Stelle liegt das eigentliche Problem auf der Hand: die Autonomie und der Schutz des Menschen im medizinischen Bereich wird durch eine informierte Einwilligung des Menschen gesichert. Spahn fordert aber einen informierten Widerspruch, da der Staat gemäß seines Modells bereits für den Menschen entschieden hat. Aus den oben genannten Gründen ist dieser Wandel der Entscheidungsgewalt eine Beschneidung der menschlichen Freiheit.

Fußnoten

1″Der Spiegel”:http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspende-jens-spahn-verteidigt-widerspruchsloesung-im-bundestag-a-1240845.html
2 “Die Zeit”:https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-11/widerspruchsloesung-organspende-selbstbestimmung-ignoranz
3 Siehe hier z.B. Munson, R., „Organ Transplantation,“ in: The Oxford Handbook of Bioethics (Oxford: Oxford University Press, 2007), 217-218.

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