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Zehn Jahre nach der Lehman-Brothers-Pleite naht der nächste Crash

“Seit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor genau zehn Jahren, die eine globale Finanz- und Bankenkrise auslöste, haben wir nicht Wasser ab-, sondern zusätzliches hineingepumpt. Betrug der Schuldenstand der entwickelten Staaten vor zehn Jahren 25 Billionen Dollar, sind es heute 45 Billionen, so der Präsident des Bundesverbandes der mittelständischen Wirtschaft Mario Ohoven.

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Die politische Krise in Europa verschärft die Finanz- und Schuldenkrise

Was unterscheidet die letzte Fahrt der „Titanic“ vom aktuellen Kurs der Währungs- und Finanzpolitik in der EU? Im Prinzip nichts. In beiden Fällen wusste die Führungscrew um die Gefahren, negierte sie aber im Glauben an die eigene Unsinkbarkeit. Die Konstrukteure der „Titanic“ vertrauten auf die 16 wasserdicht abgeschottete Kammern im Schiffsrumpf, die Finanzminister und Anleger in der Euro-Zone verlassen sich auf die schier unbegrenzten Mittel der EZB.

Die „Titanic“ sank, weil sechs Kammern vollliefen, bis zu vier oder fünf hätte sie wohl überstanden. Das Unheimliche an der Schulden- und Euro-Krise ist: Wir wissen nicht so genau, wie viele Kammern bereits geflutet sind und wie viele das System bis zum Crash verkraftet.

Was wir aber wissen: Seit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor genau zehn Jahren, die eine globale Finanz- und Bankenkrise auslöste, haben wir nicht Wasser ab-, sondern zusätzliches hineingepumpt. Betrug der Schuldenstand der entwickelten Staaten vor zehn Jahren 25 Billionen Dollar, sind es heute 45 Billionen. Addiert man alle Schulden, also nicht nur der OECD-Länder, sondern auch die der anderen Staaten sowie die Verbindlichkeiten der Banken, ergibt sich die gigantische Summe von 233 Billionen Dollar.

Damit liegt die globale Schuldenquote um 37 Prozentpunkte höher als vor Ausbruch der letzten Finanzkrise. Runtergebrochen auf Deutschland summierten sich die Kosten dieser durch Garantien, Kredite und Kapitalspritzen bis Ende 2017 bereits auf 59 Milliarden Euro. Jeden Haushalt kostete das Rauspauken der Pleitebanken inzwischen mehr als 3.000 Euro.

Besonders brisant ist die Situation in Italien mit einer Verschuldung von 130 Prozent der Wirtschaftsleistung. Eigentlich hätte das Land längst die Staatspleite anmelden müssen. Dass es dazu bisher nicht gekommen ist, liegt an den Target-Verbindlichkeiten. Gemeint ist das von der EZB zusammen mit den Notenbanken der Euroländer betriebene Abwicklungssystem für grenzüberschreitende Geldtransaktionen.

Die Target-Salden laufen seit zehn Jahren immer stärker aus dem Ruder. Hauptgläubiger ist die Deutsche Bundesbank mit Forderungen von mittlerweile über 900 Milliarden Euro. Dem steht ein Negativsaldo beispielsweise der Banca d’Italia von 470 Milliarden Euro gegenüber, Spaniens Notenbank steht mit 400 Milliarden Euro in der Kreide. Bis zum Jahr 2008 glichen sich die Kreditströme regelmäßig aus.

Das änderte sich, als die Finanzkrise aus den USA nach Europa schwappte. Die Rettungsaktion lief über das Target-System. In dem Maße, wie die nordeuropäischen Kapitalgeber Liquidität aus den Südländern abzogen, sprangen deren Notenbanken in die Bresche. Mit der Folge, dass die Target-Blase sich immer weiter aufblähte. Müssten die deutschen Target-Forderungen komplett abgeschrieben werden, wäre mehr als die Hälfte unseres Netto-Auslandsvermögens von rund 1,7 Billionen Euro verloren.

Durch normales Wirtschaftswachstum können die Staaten praktisch nicht mehr aus der Schuldenfalle kommen. Es besteht die große Gefahr, dass die Südländer als vermeintlichen Ausweg aus der Schuldenkrise noch mehr Schulden machen werden. Vor diesem gefährlichen Irrweg habe ich seit Beginn der Finanzkrise vor zehn Jahren immer wieder gewarnt. Denn er mündet am Ende zwingend in eine noch größere Finanzkrise.

Was den Passagieren auf der MS Schuldenberg – also uns Bürgern – zusätzlich zu denken sollte: Im Vergleich zu 2008 hat sich die politische Großwetterlage dramatisch verschlechtert. Die „Big Player“ Frankreich und Deutschland beschäftigen sich in erster Linie mit sich selbst, Italiens Bankensystem ist schwer angeschlagen, Großbritannien fällt mit dem Brexit als Stabilitätsanker aus, und die politischen Spannungen innerhalb der Europäischen Union nehmen tendenziell zu. Anti-Euro- und Anti-Europa-Populisten erschweren in vielen Staaten Regierungsbildungen sowie ein gemeinsames Vorgehen der EU und der Euro-Zone. Die politische Krise verschärft so die Finanz- und Schuldenkrise.

Mit Blick auf die Europawahl 2019 dürfte die Neigung der nationalen Regierungen weiter zunehmen, Sozialgeschenke auf Pump zu verteilen. Und so steuert die MS Schuldenberg ungebremst auf den Eisberg zu.

* Prof. Dr. h.c. Mario Ohoven ist Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft und auch Präsident des Dachverbandes European Entrepreneurs (CEA-PME) in Brüssel.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Matthias Weik, Lars Schäfers, Stefano Angioni.

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