Ein sprachwissenschaftliches Nein

von Marie Illner20.05.2016Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Zuwanderung von hunderttausenden Flüchtlingen wird nicht nur unser politisches Handeln und unser gesellschaftliches Gesamtbild verändern, sondern auch Einfluss auf unsere Kultur nehmen. Wie aber steht es um die Sprache? Wie wird das Deutsch der Zukunft klingen?

Sprache als Spiegel von Bedeutungen

Dass Sprache mehr ist als reine Kommunikation, steht sowohl für Sprach- als auch für Kulturwissenschaftler seit Langem fest. Sprache transportiert und erzeugt Bedeutung. Kultur könnte man dann vor diesem Hintergrund als gemeinsam geteilte Bedeutungen definieren. Anschaulich wird die Bedeutung der Sprache für die Kultur mit folgendem Beispiel: In der Sprache der Inuit gibt es einen elaborierten Wortschatz, um verschiedene Arten von Schnee zu differenzieren. Die Umwelt beeinflusst demnach die Sprache; das, was von alltäglicher Bedeutung ist, spiegelt sie wider.

Ein abgeschlossenes, fixes Konzept, ist Sprache dadurch jedoch nicht. Bedeutungen und Wortkonnotationen können sich wandeln, Neologismen entstehen oder Lehnwörter hinzukommen; wofür auch Zuwanderung ein Grund sein kann. Als Seefahrer und Händler in der Zeit des Mittelenglischen den Meereskanal überquerten, brachten sie neben Waren auch Begrifflichkeiten aus ihrer Expertise, beispielsweise dem Fischfang, mit.

Einzug des Englischen

Anglizismen, die eine Übertragung einer für das Englische charakteristischen Erscheinung auf eine andere Sprache beschreiben, sind heute weitverbreitet. Im Deutschen hat das Englische sich meist auf der lexikalischen Ebene niedergelassen. Die erst recht spät einsetzende Zunahme von Anglizismen entwickelte im 20. Jahrhundert eine erhebliche Dynamik und begegnet uns heute auf meetings, in daily soaps, beim camping und sogar beim chillen. Ein zentraler Faktor für den Sprachwandel ist Prestige. Die Übernahme eines Fremdwortes erfordert Akzeptanz seitens der Sprachgemeinschaft.
Im Deutschen wird das mit Anglizismen gefütterte „Denglisch“ häufig als sogenanntes ,,Imponier-Deutsch“ tituliert, mit dem der Sprecher mitteilen will: „Ich bin gebildet und international.“ Weitere Faktoren sind neben dem Nachahmungswert auch die Medien, die Politik und die Wissenschaft.

Im Gespräch mit einem Islamwissenschaftler

Prof. Dr. Reichmuth ist Professor für Orientalistik und Islamwissenschaften an der Ruhr-Universität in Bochum. Einen künftig wachsenden arabischen Einfluss auf das Deutsche hält er für sehr unwahrscheinlich. Historisch liegen beide Sprachen weit auseinander, so stammt das Arabische von der semitischen Sprachfamilie ab. Verwandtschaften mit dem Indogermanischen, wie etwa das Englische, weist Arabisch nicht auf. Allerdings existiert eine Vielzahl arabischer Lehnwörter in europäischen Sprachen, wie etwa im Spanischen, wo sich arabisch geprägte Orts- und Flussnamen finden. Die Ursprünge dafür reichen bis in die Zeit der muslimischen Herrschaft im Spanien des Mittelalters zurück.

Eine Sprache in Europa ist sogar semitischen Ursprungs: Das Maltesische. Die aus dem Maghrebinischen mit starkem italienischen Einschlag entstandene Sprache bildet jedoch eine Ausnahme. Die Verschriftung erfolgte zudem in Lateinschrift.

Arabisch außerhalb der Prestigezone

Reichmuth siedelt das Arabische außerhalb der Prestigezone an, im Gegensatz zur Situation im Mittelalter. Der Anreiz, arabisches Sprachgut zu übernehmen, bleibt daher gering. Eine besondere Situation böten aber jugendliche Subkulturen, in denen Jugendliche arabischer und türkischer Herkunft oft eine wichtige Rolle spielen, was sich auch sprachlich auswirke.

Ein von Twitter zitierter Satz, „Der Kevin hat Dschihad mit dem Robin“, als Synonym für Streitigkeiten, ist für Reichmuth Ausdruck einer anderen Entwicklung: Arabische Versatzstücke vermögen in bestimmten Subkulturen Zugehörigkeit zur salafistischen Szene auszudrücken. Religion und religiöse Sprache sind eng miteinander verbunden. Der Einzug solcher Wörter ist also nicht mit einem neuarabischen Lehnwortschatz zu begründen, sondern hängt mit dem sprachlichen Einfluss der Subkultur zusammen, der auch viele islamische, z.T. arabische Phrasen umfasst. Manches islamisch-arabische Wortgut kann dabei über Prediger wie Pierre Vogel übermittelt werden, anderes auch über die politische Berichterstattung in den Medien.

Kulturelle Bedrohung oder Bereicherung?

Den Einfluss stuft Reichmuth als marginal ein, von Bedrohung möchte er bei weitem nicht sprechen. Er verweist darauf, dass Araber der zweiten oder dritten Generation teilweise nicht mehr richtig Arabisch können. Die Jugendlichen würden demnach ihre Sprache verlieren, da sich kein festes Milieu etabliere. Im Internet bedienten sich viele des sogenannten „Arabizi“, einer Chat-Sprache, die das Arabische in Lateinschrift transformiert.

Festzuhalten ist also, dass eine verstärkte Etablierung des Arabischen in der deutschen Sprache sehr unwahrscheinlich ist. Die sprachliche Entwicklung im Bereich der Subkulturen mit arabischem und islamischem Einfluss bleibt allerdings weiter im Fluss. Inwieweit das die Entwicklung von Parallelgesellschaften befördert, muss hier offen gelassen werden. Letztlich, so schreibt auch Buchautor Sven Siedenberg, „liegt die Zukunft des Deutschen auf der Zunge jedes einzelnen Sprechers.“

Der text ist zuerst auf “Firstlife”:http://www.firstlife.de/nach-denglisch-nun-deurabisch-ein-sprachwissenschaftliches-nein/ erschienen

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