Generation Instagram

Marie Gamillscheg8.06.2014Gesellschaft & Kultur

Bilder von Burgern, Sonnenuntergängen und schönen Freunden: Auf Instagram sind wir alle glücklich. Wir sind unpolitisch und oberflächlich.

Wir fotografieren unsere Pancakes und unsere Iced Latte Macchiatos, unsere selbstgebackenen Heidelbeerkuchen und am liebsten uns selbst, wie wir in einen Burger beißen. Wir fotografieren uns, wie wir am Gipfel eines Berges posieren und nach einem Marathon Plastikmedaillen um den Hals tragen, wie wir uns am Strand räkeln und durch den Wald joggen. Wir fotografieren gern unsere Partner und Freunde, wir uns alle küssen und umarmen, weil wir so viel Zeit miteinander haben und uns immer gut verstehen. Wir fotografieren unseren Erfolg. Wie wir unsere Diplome abholen und Prüfungen, Promotionen und Schulabschlüsse feiern. Wir fotografieren gern die Sonne in jeder Form: Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge, gegen das Licht, Sonne am Meer, Sonne, die sich in Sonnenbrillen spiegelt.

Wir wollen eine schöne Welt

Wir sehen die Welt durch die Instagram-Brille. Seit die Foto-App 2010 die Smart-Phones eroberte, sind unsere Erinnerungen „Sepia“-, „Earlybird“- oder „Nashville“-gefärbt. Über 200 Millionen User sind es mittlerweile. Wir fotografieren und retuschieren, wir laden Bilder auf unser Profil hoch und taggen darin unsere Gefühlskulisse, Lebensmenschen und unsere täglichen Ich-fühle-mich-gut- Motivationsfloskel. Wir freuen uns über Likes, weil das bedeutet, dass wir Freunde haben und auch noch schön sind.

Während auf Facebook einsame User oft die erklickte Aufmerksamkeit dafür nützen, um in ihren Statusmeldungen Liebeskummer und Trauer zu bekunden oder mit melancholischen Herz-Schmerz-Zitaten um Zuspruch haschen wollen ohne ihre Probleme wirklich preiszugeben, ist die Foto-App Instagram der positive Happy-Peppy-Gegenpol dazu. Hier sind negative Gedanken nicht erlaubt, denn auf Instagram sind wir alle glücklich. Wir leben alle ständig ein bisschen in Kalifornien, wo immer die Sonne scheint. Wir sind schön und schlank und essen trotzdem Pizza und Schokoladenkuchen. Wir sind erfolgreich und klug und gehen abends trotzdem mit unseren Freunden feiern, wir sind belesen und gehen ins Theater und haben trotzdem die Zeit, unglaublich sportlich zu sein.

Natürlich ist es lächerlich, jede neue App als Charakterzug unserer Gesellschaft zu lesen. Technische Erfindungen werden heutzutage im gesellschaftspolitischen Rahmen überinterpretiert. Viel interessanter ist die Frage, warum wir ein Medium wie Instagram so gierig aufnehmen – Über 20 Milliarden Fotos von Essen, Sonne und schönen Menschen wurden seit 2010 auf Instagram veröffentlicht. 1,6 Milliarden Mal drücken Instagram-User am Tag den Like-Knopf und verschenken blaue Herzen an fremde Profile. Warum legen wir so gern einen Filter über unsere Erinnerungen?

Wir sind unpolitisch und stehen dazu

Es scheint, als würden wir krampfhaft an einem makellosen Leben festhalten, das wir meistens gar nicht führen, und versuchen es für die Ewigkeit, und vor allem, für die Allgemeinheit zu dokumentieren. Wir sind schön, klug und beliebt. Den meisten Instagram-Usern geht es nicht darum Besonderes zu dokumentieren, sondern darum sich einen Alltag zu konstruieren: das Frühstück, der Fitnessstudio-Besuch, die Cocktails unter Freunden. In der Ukraine werden Journalisten verschleppt, wir trinken Cappuccino mit in den Milchschaum gezeichnete Herzen. Europas Rechte ist bei den EU-Wahlen präsent wie noch nie und wir haben uns neue Nikes fürs Fitnessstudio gekauft.

Auf Instagram können wir sein, wie wir gern wären und wir können ausblenden, was unser Leben nicht zu einem Bilderbuch macht. Hier findet nichts statt, hier wird nur gezeigt. Nicht die App zensuriert uns, sondern wir uns selbst. Wir möchten nicht nur andere, sondern auch uns selbst belügen und das ganz wissentlich.

Wir sind unpolitisch und oberflächlich – das ist das Statement, das wir mit unseren Instagram-Bildern abgeben. Vielleicht ist es ja doch ein Zeichen unserer Zeit, dass wir uns die Welt immer mehr selbst modulieren möchten und uns an gewissen Orten gern gezielt auf Oberflächlichkeiten reduzieren. Aber so lange es uns besser geht, wenn wir unsere Instagram-Fotos durchsehen, uns über dieses gelbliche Retro-Leben und über die vielen blauen Herzen freuen, hat sogar diese App ihre Berechtigung. Wir möchten ein kleines Leben führen, dafür ein gutes. Wir haben Freude an Dingen wie an Laubblättern, Frisuren und selbst gepflügten Himbeeren. Wir sind immer schön und haben viele Freunde. Wir haben immer Zeit. Die Sonne geht ständig auf oder unter. Schön wäre es, wenn es tatsächlich so wäre.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Terror von Links wird nicht bekämpft

Nach den linksterroristischen Ausschreitungen an Silvester war Leipzig-Connewitz in aller Munde und vor allem in den Schlagzeilen. Dabei ging nicht nur unter, dass es bundesweit Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei und Rettungskräfte gegeben hat, sondern dass auch die Thomaskirche in Leipzig d

Die USA praktizieren den Terror

US-Präsident Trump will keinen Frieden im Nahen Osten, sondern Krieg. Aber selbst in deutschen Medien wird die gezielte Tötung des iranischen Generals Soleimani mit dem Kampf gegen den Terror gerechtfertigt. Eine besonders dreiste Lüge.

Warum bleibt die FDP so schwach?

Zu Beginn des Jahres 2020 wird in der Innenpolitik heftig über das Werben von CSU-Chef Markus Söder für einen Umbau der Bundesregierung debattiert. Über die verhaltene Reaktion der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Und über die Forderung des neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borj

„Kosten- und Programm-Exzesse der öffentlich-rechtlichen Sender spalten die Gesellschaft“

Die konservative Basisbewegung innerhalb der CDU/CSU setzt sich dafür ein, die Finanzierung und Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sender wieder auf deren Kernaufgaben zurückzuführen.

Die Bundesregierung muss Donald Trump die Gefolgschaft verweigern

Dritter Tag im neuen Jahrzehnt und ein Krieg mit gigantischen Folgen droht. Die US-Morde an dem Kommandeur der iranischen Quds-Brigaden Qassem Soleimani und dem Vizekommandeur der irakischen Volksmobilmachungskräfte (PMF) Abu Mahdi al-Muhandis sollen offenbar einen US-Krieg gegen den Iran vom Zaun

Frau Merkel, treten Sie endlich zurück

Vera Lengsfeld hat einen offenen Brief an die Kanzlerin geschrieben. Und bemerkt: "Alle Fehler ihrer Kanzlerschaft aufzuzählen würde den Rahmen dieser Ansprache sprengen. Deshalb seien nur die verheerendsten genannt." Welche es sind, lesen Sie hier.

Mobile Sliding Menu