Eine selbstbewusste Gesellschaft kann viele Narren ertragen. John Steinbeck

Politik mit Wurst

Seit Conchita Wurst den Eurovision-Songcontest für sich entschieden hat, hat sich Österreich in eine Vorbildfunktion für das tolerante, offene Europa gedrängt. Doch dahin ist es noch ein langer Weg – mit vielen Wurststrecken.

In Österreich stehen Wortspiele derzeit hoch im Kurs. Der Heimatsort der Dragqueen Conchita Wurst Bad Mitterndorf nennt sich nur noch „Bart Mitterndorf“, die österreichischen Tageszeitungen und Blogs versuchen sich gegenseitig mit Titeln wie „Im Zeichen des Bartes“ und „Wurst für die Welt“ zu übertreffen. Seit Conchita Wurst vergangenen Samstag den Eurovision-Songcontest das erste Mal seit 1966 für Österreich gewonnen hat, malen sich Menschen auf der Straße mit ihren Kajalstiften Bärte an die Wangen und posten „Wir sind Wurst“ in den sozialen Netzwerken. Doch sind wir mit der Suche nach möglichst kreativen Wortspielen schon am Ende der Wurststrecke angelangt?

Als Österreicher gewinnt man in diesen Tagen ein neues Bild von sich. Auf das Land, wo vor kurzem noch laut einer Umfrage 70 Prozent der Jugendlichen Beamte werden möchten und jeder Dritte sich einen starken Führer wünscht, werden auf einmal alle Vorbildvorstellungen eines modernen, aufgeklärten Staates projiziert. Österreich ist europaweit ein Beispiel für eine für alle Lebensweisen offene Gesellschaft geworden, Respekt und Toleranz sind die Begriffe, die Conchita Wurst in die Mikrofone säuselt und von jedem Politiker begeistert wiedergekäut werden, als wären diese Worte gerade erst erfunden worden.

Wir sind Wurst!

Der persönliche Sieg von Conchita Wurst wird kollektiv vereinnahmt. Endlich muss man sich für ein bisschen Patriotismus nicht schämen, den Österreich doch so gern trotzig auslebt. Politiker und Promis veröffentlichen eifrig Glückwünsche und Fotos, für Bundespräsident Heinz Fischer ist der Erfolg „nicht nur ein Sieg für Österreich, sondern vor allem für die Vielfalt und Toleranz in Europa.“ Frau Wurst soll sogar vom Balkon des Bundeskanzleramts ihren Fans am Wiener Ballhausplatz zuwinken dürfen; eine Ehre, die bisher nur Größen wie Skifahrerlegende Karl Schranz zuteil wurde.

Schnell wird vergessen, dass Conchita Wurst alias Tom Neuwirth auch in Österreich noch bis vor dem Songcontest belächelt wurde und wüsten homophoben Schimpftiraden ausgesetzt war. Denn Österreich kann sich nicht bei den tolerantesten Ländern Europas vorne einreihen: Im Gegensatz zu Frankreich, Spanien oder Dänemark können in Österreich gleichgeschlechtliche Paare nicht heiraten, sondern nur eine eingetragene Partnerschaft eingehen, die nicht am Standesamt geschlossen werden darf. Einen „gemeinsamen Namen“ darf das Paar danach nicht tragen, sondern nur einen „gleich lautenden Namen“. Das macht am Papier keinen Unterschied, zeigt aber den symbolischen Stellenwert.

Auch andere EU-Länder sind von einer Gleichstellung noch weit entfernt. In Italien sind eingetragene Partnerschaften in vielen Regionen schwer umkämpft, in Ungarn wurden 2013 gleichgeschlechtliche Paare in der Verfassung nicht in die Definition einer Familie eingeschlossen. Vor allem auf der Ebene der Anti-Diskriminierungsgesetze braucht Europa dringend neue Regelungen. Nur in Kosovo, Portugal und Schweden ist der Schutz der Homosexuellen durch Anti-Diskriminierungsgesetze in der Verfassung verankert – in anderen Ländern sind die Gesetze zum Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz oft noch sehr schwammig formuliert. Laut der geltenden Regelungen in Österreich können Homosexuellen eine Bestellung im Restaurant oder eine Reservierung im Hotel aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verweigert werden.

Europa darf sich jetzt nicht auf ihrer nun zur Schau gestellten Toleranz und Offenheit ausruhen. Mit dem Sieg von Conchita Wurst wurde ein wichtiges Zeichen gesetzt, doch jetzt muss es auch weitergehen. In Österreich wurde damit schon begonnen. Für ÖVP-Vizekanzler Michael Spindelegger ist plötzlich eine rasche Änderung der Gleichstellungsgesetze wichtig. Ein erster Schritt, auch wenn er sich noch wage gibt: „Wenn wir das bis Sommer diskutiert haben, wäre das okay.“

„We are unstoppable“

Spätestens seit diesem Jahr kann niemand mehr abstreiten, dass es beim Eurovision-Songcontest nicht nur um Musik geht. Frau Wurst hat es geschafft, die angespannte Stimmung zwischen Europa und Russland noch nachzuwürzen. „Europas Ende“ diagnostiziert der russisch-nationalistische Politiker Wladimir Schirinowski dem ganzen Kontinent. „Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben war ein Fehler, wir hätten dort bleiben sollen.“

Österreich gefällt sich in der Rolle des aufmüpfigen Schülers, die ihm nicht oft zuteil wird. Deshalb sollte jetzt auch nicht der Streit der Bundesländer, wo der Songcontest 2015 ausgetragen wird, sondern die Gleichstellung homosexueller Paare sollte die Gespräche und Titelblätter bestimmen. Einer bärtigen Frau, die keine ist, die Hand schütteln ist einfach. Ihr auch wirklich den Respekt und Toleranz entgegenzubringen, die derzeit allerorts propagiert werden, ist schon wieder schwieriger.

Die Rolle von Conchita Wurst ist hier wesentlich wichtiger, als es ihr zugetraut wird. Es liegt auch an ihr, ihr entschlossen verkündetes „We are unstoppable“ auch in die Tat umzusetzen. Andi Knoll, der österreichische Kommentator des Songcontests in Kopenhagen, hat es vielleicht schon bei der Live-Übertragung geahnt: „Jetzt hat uns die den Schaß gwonnen“, kommentierte er spontan den Sieg. Es ist ein langer Weg mit vielen Wurststrecken.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Shahin Abbasov, Emin Milli, Parviz Shabazov.

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