Die vernachlässigten Begabten | The European

Bei der Inklusion werden hochbegabte Kinder völlig vernachlässigt

Marianna Rusche20.12.2021Medien, Wissenschaft

Immer ist die Rede von Inklusion – dabei werden hochbegabte Kinder und Jugendliche völlig vernachlässigt. Deutschlandweit braucht es auf Hochbegabte zugeschnittene Förderungsangebote vom Kindergarten bis zum Abitur. Von Marianna Rusche.

Inklusion, Quelle: Shutterstock

Inklusion, Quelle: Shutterstock

Was würde passieren, wenn man Eltern in Deutschland mitteilte, ihr kognitiv normalbegabtes Kind werde demnächst in einer Klasse mit leicht intelligenzgeminderten (von der WHO definiert als „mild mental retardation“) Kindern unterrichtet? Mit Sicherheit würden diese Eltern Unverständnis äußern und sich beschweren, ihr Kind könne nicht angemessen gefördert werden, wenn alle anderen Kinder der Klasse deutlich geringere kognitive Fähigkeiten haben. Kaum jemand würde widersprechen, dass ein normalbegabtes Kind eine anspruchsvollere Lernumgebung braucht. Auf der anderen Seite des Intelligenzspektrums sieht die öffentliche deutsche Meinung bezüglich angemessener Förderung deutlich anders aus. Die explizite Förderung hochbegabter Kinder und Jugendlicher ist in Deutschland ein Tabuthema. Dabei liegt statistisch gesehen zwischen hochbegabten und durchschnittlich begabten Kindern mindestens, je nach Ausprägung der Hochbegabung, der gleiche Intelligenzunterschied wie zwischen durchschnittlich begabten und leicht intelligenzgeminderten Kindern. Weil der Intelligenzquotient (IQ) einer Normalverteilung mit einem Mittelwert von 100 folgt und somit symmetrisch verläuft. Eine leichte Intelligenzminderung beginnt gemäß ICD-10 (F70) der WHO bei einem IQ < 70. Hochbegabung beginnt, spiegelbildlich, bei einem IQ > 129. Statistisch gesehen treten demnach sowohl ein IQ < 70 (Intelligenzminderung bishin zu geistiger Behinderung) als auch ein IQ > 129 (Hochbegabung) in der Bevölkerung zu ca. 2% auf. Doch im Kontrast zu vielfältigen Förderangeboten für Kinder mit Intelligenzminderungen und geistigen Behinderungen gibt es in der deutschen Gesellschaft eine große Hemmung, im wahrsten Sinne des Wortes „außerordentlich“ intelligente Individuen besonders zu fördern – insbesondere im internationalen Vergleich. Das Auffinden von Förderangeboten für Hochbegabte scheitert in Deutschland oft schon daran, dass jeder Hinweis auf die eigene sehr hohe Intelligenz als obszön geächtet wird und man sich deshalb gar nicht erst nach Angeboten zu fragen traut.

Die deutsche Gesellschaft hat aus zunächst gutem Grund eine tiefsitzende Abneigung gegenüber dem Gedanken, eine Gruppe an Menschen habe von Geburt an überlegene Fähigkeiten im Vergleich zu anderen. Diese Abneigung mag individuell auch durch die reflexartige Aktivierung eigener Minderwertigkeitskomplexe – zu welcher Gruppe gehöre ich selber? – ausgelöst werden, jedoch fußt sie in signifikantem Maße auf dem kollektiven Gedächtnis der unbeschreiblichen Verbrechen, welche in der Zeit des Nationalsozialismus im Namen der sogenannten „Rassenhygiene“ betrieben wurden. Neben dem Ziel, systematisch ganze Bevölkerungsgruppen auszulöschen, weil sie nicht der „arischen Herrenrasse“ zugeordnet wurden, wurden im Namen der Eugenik (deutsch: Erbgesundheitslehre) unter anderem geistig behinderte Menschen systematisch misshandelt und ermordet, um deren Fortpflanzung zu verhindern. Die in allen von uns unbewusst verankerte Erinnerung an diese grausamen Schreckenstaten, welche sich von Zwangssterilisationen bishin zu der sogenannten „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ entwickelten, lässt in der deutschen Gesellschaft kollektiv die Alarmglocken schrillen, wenn bei Intelligenz von einer signifikanten genetischen Komponente die Rede ist. Dabei ist einerseits die Erkenntnis gesellschaftlich akzeptiert, dass Intelligenzminderungen und geistige Behinderungen oft teils genetisch bedingt sind und besondere Unterstützung erfordern. Wieso wird dann trotz ausdrücklicher wissenschaftlicher Evidenz kaum akzeptiert, dass es symmetrisch auf der anderen Seite der Intelligenz-Normalverteilung Menschen gibt, deren Hochbegabung teils genetisch bedingt ist und auch diese Menschen von besonderer Förderung profitieren? Immer ist die Rede von Inklusion – dabei werden hochbegabte Kinder und Jugendliche völlig vernachlässigt. Deutschlandweit braucht es auf Hochbegabte zugeschnittene Förderungsangebote vom Kindergarten bis zum Abitur. Dass es in unserem Land – dem Land der Dichter und Denker – bislang nur wenige solcher spezifischen Angebote gibt, ist nicht nur ein persönliches Problem der hochbegabten Kinder und deren Familien, sondern ein vergeudetes Potenzial für die deutsche Gesellschaft.

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