Angela Merkels Verhalten zeigt, dass sie in der DDR viel gelernt hat. Thilo Sarrazin

Ego-Abenteurer

Wir wollen ausgefallen reisen, um von unseren Mit­menschen als außergewöhnliches Individuum anerkannt zu werden. In Wahrheit gehen wir dadurch in der Masse auf.

Raue Felseninseln ragen aus türkisblauen Wasser heraus, ein paar verstreute Holzboote zieren die idyllische Landschaft, ein Drink im Sonnenuntergang am anderen Ende der Welt. Wow, wo Ben wohl wieder unterwegs ist, schießt es uns anerkennend (und ein wenig neidvoll) durch den Kopf, wenn wir diesen fotografischen Ausschnitt in unseren sozialen Netzwerken aufpoppen sehen. Wie außergewöhnlich anders Ben doch ist, dass er gerade da unterwegs ist, mutig, sich alleine an so einen abgelegenen Ort zu wagen. Ein Abenteurer und Entdecker, der sein Leben genießt und genauso führt, wie jeder andere es sich erträumt; er verwirklicht sich selbst.

Was wir nicht sehen: Ben ist gar nicht allein unterwegs. Er teilt sich diese famose Aussicht mit zig anderen ebenso abenteuerlustigen Reisenden. Der Strand ist voll mit Leuten: Deutsche, Australier, Holländer, die sich selbstgefällig ob ihrer Weltgewandtheit bei einem Sundowner feiern. Einheimische stehen lediglich als Bedienung hinter der Strandbar, die scheinbar provisorisch aus Bambus zusammengezimmert ist, trotzdem über Wireless LAN verfügt und das Menü auf Englisch, Deutsch und Russisch führt.

Abends treffen sich hier alle Touristen im Ort. Ben ist kein Entdecker, er folgt dem ausgetretenen Touristenpfad durch Südostasien, wo sich an vielen Orten ein sogenannter Backpacker-Pauschaltourismus entwickelt hat. Jede Menge Individualtouristen, die alle auf der gleichen Route reisen, in den gleichen Städten halten und die gleichen Hostels, Lokale und Bars aufsuchen. Um in entlegenere Ecken zu kommen, werden Pauschalausflüge bei geschäftstüchtigen Einheimischen gebucht, die es verstehen, eine gut funktionierende Tourismusmaschinerie zu betreiben.

Sich von der Masse abheben

Zu Hause erzählt Ben von seiner ach so individuellen Reise durch das ferne Asien und lächelt ein wenig abschätzig, als Linda von ihrem im Reisebüro gebuchten Strandurlaub auf Kreta erzählt. Und streng definitorisch hat er ja auch nicht Unrecht. Ein Individualreisender ist ein Reisender, der die erforderlichen Leistungen einzeln bucht. In der Regel nur die An- und Abreise organisiert und den restlichen Verlauf der Reise vor Ort auf sich zukommen lässt. Im Gegensatz zur Pauschalreise. Die Pauschalreise verspricht ein Gesamtpaket aller Reiseleistungen, wie An- und Abreise, Unterkünfte, Verpflegung, ggf. Ausflugsprogramm zu einem ­Gesamtpreis mit einem genau durchorganisierten Reiseablauf, meist in einer Gruppe.

Individualreisende und Pauschalreisende kann man auch als Visualisierung der jahrtausendealten, geistesgeschichtlichen Diskussion um die Fokussierung einer Gesellschaft auf den Einzelnen oder aber die Gemeinschaft betrachten.

Alle Eigenschaften, Interessen und Besonderheiten des Individuums bilden seine Persönlichkeit. Unterscheiden sich diese Elemente von denen der Gemeinschaft in besonderer Weise, ist es dem Individuum gelungen, sich mit seiner Persönlichkeit von der Masse abzuheben.

Braun werden ist kein Status mehr

In Zeiten von Massenproduktion, Globalisierung und Franchise-Unternehmen, die jeder deutschen Innenstadt eine auswechselbare Konformität verpasst haben, scheint das Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein, immer stärker zu werden. Zahlreiche Industriezweige haben diese Entwicklung ­bereits in ihren neuen Marketingstrategien ­berücksichtigt. Pauschalreiseunternehmen sind auf diesen Trend aufgesprungen und bieten ihren Kunden nun die Möglichkeit, aus einer Auswahl an vorgefertigten Modulen den Urlaub an die Reisevorlieben anzupassen.

Zu reisen war von jeher ein gutes Mittel, um die Persönlichkeit zu formen bzw. herauszustellen; nur war dies bis Mitte des 20. Jahrhunderts den wohlhabenden Schichten vorbehalten. Das bekannteste Beispiel dürfte die Grand Tour sein. Die große Reise war seit der Renaissance erst für die Söhne des europäischen Adels, später auch für das gehobene Bürgertum eine fast obligatorische Reise zu den damals bedeutenden europäischen Kunststädten in Mitteleuropa, Italien, Spanien und dem Heiligen Land. Sie fungierte als Bildungsreise, diente aber auch dem Erwerb von Weltläufigkeit und Status.

Mit zunehmenden Wohlstand der Gesellschaft, der Entwicklung von günstigen Pauschalreisen durch Thomas Cook und spätestens seit der Etablierung von Billigfliegern ist Reisen per se kein besonderes Herausstellungsmerkmal, kein Statussymbol mehr. Was der Masse zugänglich ist, kann den gesellschaftlichen Stand des Trägers nicht mehr zum Ausdruck bringen, kann die Persönlichkeit des Individuums nicht mehr von der Masse abheben.

Reisen als Ausdruck der Selbstverwirklichung

Es reicht nicht mehr aus, die sonnengebräunte Haut nach dem Mittelmeerurlaub zur Schau zu tragen, das kann mittlerweile jeder. Um ausgefallener und interessanter zu wirken, muss es in die Ferne gehen; zu klangvollen Sehnsuchtsorten, abgelegenen Ländern, am besten ganz auf sich allein gestellt. Dort, wo viele Menschen hin möchten, aber scheinbar nicht jeder hinkommt.

Mutig, abenteuerlich und weltinteressiert wirkt Ben durch seine Reise nach Südostasien. Zudem realisiert er seine eigenen Ziele und Wünsche. Selbstverwirklichung ist weiterhin das ganz große Lebensziel unserer Gesellschaft, und damit ein sehr erstrebenswerter Status. Reisen als Ausdruck der Selbstverwirklichung stehen hoch im Kurs. Es gibt deshalb kaum ein besseres Mittel, seine Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen, als durch eine Reise auf eigene Faust.

Doch der Wunsch nach dem Besonderen kehrt sich ins Paradoxe. Denn die Sache hat bei aller Individualität einen ganz wichtigen gemeinschaftlichen Aspekt: Letztendlich ist der Mensch ein soziales Wesen, Statussymbole und Selbstverwirklichung funktionieren nur durch die Bestätigung und die Anerkennung der Gemeinschaft. So individuell wir alle sein wollen, so wollen wir das nur im Kreis unserer Gesellschaft sein und finden uns somit auch mit scheinbar individuellen Aktionen, vermutlich unbewusst, aber gewollt, in der Masse wieder.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Heike Müller, Vera König, Vera König.

Fleisch

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2015.

Darin geht es u.a. um die Zukunft des Fleisches. Wir führen eine Debatte darüber, was morgen auf den Teller kommt. Dazu: Eine Bilanz nach sechs Monaten Mindestlohn, die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland, das zweifelhafte Phänomen des Massentourismus und die Digitalisierung des Museums.

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31.07.2015

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