Frühlingserwachen

von Marian Schreier24.02.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Nominierung Gaucks war die richtige Entscheidung – von alt bekannten Mustern der Etikettierung sollten wir uns nicht täuschen lassen. Er hat ein Lebens-, vielleicht auch ein Präsidentschaftsthema.

Joachim Gauck ist der richtige Kandidat. Er ist ein frischer, ja, ein junger Kandidat. Seine Nominierung ist wie ein Frühlingserwachen, ein gemeinsames Auf-und Durchatmen für das politisches Deutschland, das seit mehreren Wochen in kollektiver Apathie verharrte und dabei zusehen konnte wie dem Amt des Bundespräsidenten unter tatkräftiger Mithilfe Christian Wulffs die letzten Lebenszüge entwichen. Colin Crouch beschreibt diesen Zustand, wenn demokratische Institutionen ihren ‚Geist’ verlieren, als Postdemokratie. In seinem 2008 veröffentlichten Buch zählt er zu den Ursachen für dieses Problem zwar nicht Handeln à la Wulff, präsentiert aber Lösungen Gauckschen Zuschnitts, namentlich eine Änderung der politischen Kommunikation und bürgerschaftliches Engagement. Joachim Gauck ist ein im Geiste jugendlicher Kandidat, weil er den demokratischen Streit zurückbringt und mutig für seine Überzeugungen einsteht. Seine politische Orientierung und seinen Wertekompass muss man im Gegensatz zu anderen Mitgliedern der politischen Klasse nicht mit der Lupe suchen. Er ist kein Rundgefeilter, er lebt nicht von, sondern für die Politik.

Alt bekannte Muster der Etikettierung

Vielen Beobachtern des politischen Geschehens scheint das nicht zu behagen oder sie sind es schlichtweg nicht mehr gewohnt, dass ein Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten klare Meinungen hat. Wer sich nicht mit aus dem Kontext gerissenen Zitaten, siehe Sarrazin und Vorratsdatenspeicherung, begnügen will, greift auf das alt bekannte Muster der Etikettierung zurück. Schnell wird er als ultra-konservativ abgestempelt, beispielsweise wenn Alexander Görlach schreibt “„mit vielen gesellschaftlichen Positionen ist Herr Gauck rechts der CDU“(Link)”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/10050-konsenskandidat-joachim-gauck. Das mag sein. Mit anderen ist er links der CDU und mit wieder anderen trifft er genau den Mainstream. Er ist eben im besten Sinne – Gauck über Gauck – ein linker, liberaler Konservativer. Joachim Gauck wird als Bundespräsident auch mehr sein als ein Märchenonkel oder „Weihnachtsmann mit Schlips“. Im besten Fall wird er ein Erzähler, der die gesellschaftliche Probleme unserer Zeit, von der Euro-Krise bis zur Zwickauer Zelle, in einen größeren Zusammenhang einordnen kann. Ein Bundespräsident, der um die Wirkmächtigkeit des Wortes weiß und es vermag bürgerschaftliches Engagement zu entfachen. Man muss noch einmal den Vergleich zu Christian Wulff ziehen. Mit seiner politischen Sozialisation bei der Schülerunion, deren Schauplatz die Mehrzweckhallen und Dorffeste der Bundesrepublik waren, konnte er nur Wenige für Teilhabe am demokratischen Gemeinwesen ermuntern, geschweige denn begeistern.

Ein Lebensthema

Es sind die Erzählungen Joachim Gaucks von unbedingter Freiheit, Verantwortung und Gemeinsinn, die als Zündfunke demokratischen Engagements taugen. Diese bilden den Kern eines Menschenbildes, welches seinen Ausgang in der paulinischen Rechtfertigungslehre („Zur Freiheit, befreit“, Galater 5,1) und der Verantwortungsethik Dietrich Bonhoeffers nimmt. Letzterer hat das Wechselspiel von Verantwortung und Freiheit in die folgende bekannte Sentenz gepackt: „Das Freisein von etwas erfährt seine Erfüllung erst in dem Freisein für etwas.“ In Joachim Gaucks Worten heißt dies dann: „Freiheit als Verantwortung“ – ein Lebens-, vielleicht auch ein Präsidentschaftsthema.

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