Der freie Markt funktioniert nicht. Andrew Keen

Femizid, weltweit

Es hört nicht auf und wir sehen fassungslos zu: es wird geschlagen und vergewaltigt, Tag für Tag, Stunde für Stunde. Weltweit herrscht Krieg gegen Mädchen und Frauen.

Es geschieht weltweit und wir lassen es geschehen: die Gewalt gegen Mädchen und Frauen. In Nigeria entführen islamistische Terroristen der Boko Haram Schulmädchen, verstecken sie und verheiraten sie an islamistische Mitkämpfer. Im nur vier Flugstunden entfernten Nordirak rauben die Männer des sogenannten Islamischen Staates die Mädchen und Frauen der christlichen Jesiden, vergewaltigen sie brutal, stellen die Bilder ins Netz und sagen, der Koran erlaube das.

Das sind nur die aktuellen Ereignisse, die uns berühren, weil sie zeitlich so nah sind. In Afghanistan, in Indien und im Ost-Kongo ist die Gewalt gegen Mädchen und Frauen an der Tagesordnung. Seit Jahrzehnten schon. Das geht uns schon nicht mehr unter die Haut. Aber diese Gewalt lässt sich nicht durch kulturelle Folklore entschuldigen. Das sind keine Einzelfälle. Jeder einzelne Fall, jede einzelne Horror-Geschichte, ist Teil einer systematischen Unterdrückung von Frauen. Weltweit herrscht Krieg, auch und vor allem gegen Mädchen und Frauen. Nicht umsonst sprechen die Südamerikanerinnen von einem „Femizid“ – in Anlehnung an den Genozid.

Dabei ist ein Teil der Gewalt, nämlich die Vergewaltigung, längst eine berüchtigte Kriegswaffe. Das war so im Bosnien-Krieg, als 50.000 Frauen vor den Augen ihrer Männer, Väter und Kinder von der serbischen Soldateska vergewaltigt wurden. „Das ist billiger als das Benzin für die Panzer, als die Munition für Waffen oder als Granaten“, hat einmal ein Soldat zynisch argumentiert. Das ist so nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland geschehen, als die russischen Soldaten einmarschierten. Eine Vergewaltigung hat nichts, aber auch gar nichts, mit einem sexuellen Akt zu tun.

Friede? Ist nicht in Sicht

Es ist ausschließlich eine machtvolle Botschaft an die „anderen“ Männer: Du kannst jetzt gar nichts mehr machen, wir nehmen auch Deine Frauen, Deine Töchter in Besitz. Unbestritten sind das aber auch Kriegsverbrechen. Die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen ächtet darum Vergewaltigungen international. Andererseits dauerte es Jahrzehnte, bis die Täter in Den Haag vor dem Internationalen Gerichtshof standen und dann nicht wegen Vergewaltigung, sondern wegen anderer Kriegsverbrechen verurteilt wurden.

Im Kongo wird seit 15 Jahren vergewaltigt, Tag für Tag, Stunde für Stunde. Im Hospital des gerade jetzt im November 2014 mit dem Sacharow-Preis ausgezeichneten Dr. Denis Mukwege kommen täglich neue auf das schlimmste verletzte Frauen und Mädchen an. Er „repariert“ sie, wie es im Französischen heißt. Ihr Innerstes ist zerfetzt, von Männern, Macheten, Stöcken. Wenn sie überleben, ist das fast wie ein Wunder. Die Vergewaltiger sind Milizionäre. Sie überfallen die Dörfer, um an die Bodenschätze zu kommen. Früher waren auch die kongolesischen Soldaten dabei. Nur ganz wenige MUNUSCO-Truppen, also die UN-Soldaten, können einige Dörfer schützen. Sie dürfen ja jetzt endlich auch schießen. Dank einer aktuellen UN-Resolution. Friede? Ist nicht in Sicht. Die Regierung des Kongo residiert 2000 Kilometer entfernt in Kinshasa. Der Ost-Kongo ist auch für sie: weit weg.

In Indien, einem inzwischen höchst beliebten Tourismus-Ziel, hat die Massenvergewaltigung durch sechs junge Männer einer 23 Jahre alten Studentin die Welt aufhorchen lassen. Was ist da los? Ein Einzelfall? Nein, leider nicht. Alle zwanzig Minuten wird in Indien eine Frau vergewaltigt, sehr oft von mehreren Männern. „Massenvergewaltigung“ ist an der Tagesordnung. Die junge Nirbaya, wie die Presse die 23-jährige Frau nannte, überlebte die grauenvolle Tat der Männer nicht. Aber: „Sie entzündete ein Licht für ein besseres Indien“, schrieben die Zeitungen. Sie starb nach mehreren Operationen in Singapur, neben sich ihre Mutter. Die heute zusammen mit ihrem Mann vor Gericht zieht: Die Eltern wollen die Todesstrafe für alle Täter. Nicht nur für die vier noch verbliebenen, sondern vor allem auch für den knapp 18 Jahre alten Fahrer des Busses, in den sie das Mädchen und ihren Freund gelockt hatten. Die überraschend schnell verhängten Todesurteile durch Erhängen machen aber ihre Tochter auch nicht mehr lebendig.

So schlagen und vergewaltigen Männer unverändert weiter

In Afghanistan gehören Frauen und Mädchen schon seit Jahrzehnten und vor allem seit der Herrschaft der Taliban nicht sich selbst, sondern den Vätern, Ehemännern, Brüdern und erwachsenen Söhnen. Ein Mädchen wird spätestens mit 12 Jahren zur Ware. Dann kann sie der Vater gegen ein Grundstück, gegen 6000 Dollar oder eine Ziege verkaufen. Meist an einen älteren Mann, der sich die Zweit- oder Drittfrau leisten kann. Dann gehört sie ihm und seiner Familie. Wie eine Sklavin. Er darf sie schlagen, vergewaltigen, ihr ärztliche Hilfe verweigern. Rula, die Ehefrau des neugewählten Präsidenten Ashraf Ghani, will sich jetzt um die Situation der Afghaninnen kümmern. Das macht Mut und Hoffnung. Denn 86 Prozent der Frauen haben nach einer neuen Umfrage große Angst vor dem Abzug der NATO-Truppen zum Jahresende. Sie fürchten, dass die Taliban mit in einer neuen Regierung sitzen könnten. Dann würden sie wieder in der Unsichtbarkeit verschwinden. Das will keine mehr erleben.

Dazu sterben in keinem Land der Welt so viele Frauen bei der Geburt eines Kindes. Auch geschuldet der dramatisch schlechten hygienischen Situation im hintersten Stall der Häuser und Hütten sowie der fehlenden ärztlichen Hilfe, die nur von einer Frau kommen darf. Und seit dem Regime der Taliban gibt es unter anderem auch kaum noch Ärztinnen – Frauen hatten Berufsverbot.

So schlagen und vergewaltigen Männer unverändert weiter. Auch weil die Polizei überwiegend aus Männern besteht, die Richter Männer sind und der Alltag bis heute von Männern bestimmt wird. Die Ehefrau des neuen Präsidenten hat eine große Aufgabe vor sich. Elf Millionen Afghaninnen hoffen auf sie.

Gerade ist von Maria von Welser erschienen: „Wo Frauen nichts wert sind – vom weltweiten Terror gegen Mädchen und Frauen“ (Ludwig-Verlag, 19.99 Euro).

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sabine Kleindiek , Heike Heim, Bündnis 90 Die Grünen.

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