Die Sehnsucht nach Freiheit hat die Angst der Menschen schrittweise besiegt. Joachim Gauck

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Zeitgeistes

Dem EKD-Orientierungspapier fehlen Mut und klare Worte – sowie ein Bekenntnis zu traditionellen Werten, vor allem wenn es um die Ehe geht. Das ist keine Orientierung, sondern Anbiederung.

Es geht der evangelischen Kirche um Ehe, Familie, um Kinder, Patchwork, Alleinerziehende und homosexuelle Partnerschaften. Auf 160 Seiten will das EKD-Papier vom Juni 2013 Orientierungshilfe bieten. „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“, so der Titel. Für all die Menschen, die sich unter den genannten Stichwörtern wiederfinden. Wahrlich ein hoher Anspruch. So schickt der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider im Vorwort auch gleich beschwichtigend voraus: „Verlässliche und langfristige Beziehungen“ seien unerlässlich in unserer Gesellschaft. Damit will er wohl die Treue beschwören und Kritikern gleich mal den Wind aus den Segeln nehmen.

Sehr menschlich, sehr mitfühlend

Aber weil es der evangelischen Kirche wohl vor allem auch darum geht, alle ihre Schäfchen zu erreichen, findet sich in dem Papier vor allem viel Widersprüchliches. Es ist richtig und gut, die Lebenswirklichkeit von Menschen zu erkennen und sie zu akzeptieren. Da muss man als Kirche gar nicht erst das Bundesverfassungsgericht als Alibi anführen. Es leben nun mal in Deutschland rund 63.000 gleichgeschlechtliche Paare zusammen. Männer mit Männern, und Frauen mit Frauen. Und die haben oft aus früheren heterosexuellen Beziehungen Kinder. Oder sie adoptieren Kinder in ihrer eingetragenen Lebenspartnerschaft.

Wahr ist auch, dass in unserem Land in den Städten jede zweite, in den ländlichen Regionen jede dritte Ehe geschieden wird. Auch da gibt es Kinder, und viel Patchwork, wenn sich Geschiedene wieder zusammentun und eine Familie bilden.

Aber, und jetzt kommt mein großes Aber: Gerade vor solchen sozialen Hintergründen hat Kirche aus meiner Sicht eine tragende Aufgabe. Sie sollte die verbindliche Treue von Ehepaaren und Eltern mit Vehemenz verteidigen. Unentschiedenheit mögen Menschen nicht von ihrer Kirche. Klare Worte bieten Halt, auch wenn es manchmal unbequem ist. Das sollte Kirche bieten.

Wenn es dann dagegen im Orientierungspapier heißt: „Die Kirchen unterstützen Familien in ihrem Wunsch nach gelingender Gemeinschaft, sie begleiten sie aber auch im Scheitern und bei Neuaufbrüchen“, dann liest sich das alles sehr menschlich, sehr mitfühlend. Das muss Kirche sicher im Einzelfall sein. Aber für alle Menschen in einer Kirche sind verbindlichere Maximen eine größere Hilfe. An denen man sich reiben muss, die einen Menschen auch schmerzen, wenn das Leben aus den Fugen gerät. Aber es gibt sie eben, die klaren Linien.

Uns allen ist doch schließlich auch manches aus der Bibel unvergessen. Zum Beispiel die bei Jesus entlehnte Trauungsformel „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“. Richtig. Aber das Leben geht eben auch andere Wege. So schreiben die Verfasser dann in ihrem Papier dazu nur: „Das Scheidungsverbot Jesu erinnert die Paare und Eltern an ihre Verantwortlichkeit.“

Sie schreiben nichts vom Unglück der Beteiligten, von den Schmerzen, Wunden, dem Kummer der Kinder. Dagegen ist von der dramatisch schlechteren wirtschaftlichen Situation Geschiedener und ihrer Kinder die Rede. Zu wenig aber davon, wie riskant Scheidungen im Gesamten tatsächlich in jeder Beziehung sind. Und wie schwer es ist, als Alleinerziehende/r ein Kind großzuziehen. Ich weiß, wovon ich rede. Hier könnte Orientierung helfen. Bevor die Beziehung scheitert, bevor sich Paare trennen.

Die Norm der Ehe wird geschwächt

Sicherlich zeitgemäß und richtig ist es, sich klar und deutlich zur Homo-Ehe und zur kirchlichen Begleitung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften zu bekennen. Gerade aber an dieser Stelle wird viel die Treue, und das verlässliche, liebevolle und verantwortliche Miteinander zweier Menschen beschworen. Egal welchen Geschlechts. Es heißt: „Liest man die Bibel von ihrer Grundüberzeugung her, dann sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften, in denen sich Menschen zu einem verbindlichen und verantwortlichen Miteinander verpflichten, auch in theologischer Sicht als gleichwertig anzuerkennen.“ Allerdings: An anderer Stelle, wenn es um die ganz normale bürgerliche Ehe von Vater, Mutter, Kind geht, ist die dauerhafte Zweisamkeit dort nicht als leitendes Prinzip beschrieben. Ein Widerspruch? Ich denke ja.

So wundert es nicht, wenn die Wogen hochschlagen. Und nicht nur auf der katholischen Seite. Für den Vizepräses der EKD-Synode, Günther Beckstein, ist das EKD-Familienpapier nur eine Diskussionsgrundlage und bei Weitem keine Orientierung. Er erkennt ganz klar, dass die Norm der Ehe hier geschwächt wurde. Für ihn, den führenden Protestanten, ist weiterhin die traditionelle, lebenslange Ehe das Leitbild einer Gesellschaft. Auch wenn er zugibt, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht diskriminiert werden dürfen.

Die Kolleginnen und Kollegen in den deutschen Zeitungen stimmen in die Aufregung ein: Von einem „revolutionären Kurswechsel“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. „Spiegel Online“ hingegen stellt fest, dass sich die EKD mit diesem Leitfaden derart verweltlicht habe, wie es „noch keine der großen Religionen unternommen hat“. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ wirft den Verfassern gar einen „laxen Umgang mit der Bibel“ vor. Vernichtender geht’s nicht.

Dass die kirchlichen Würdenträger der katholischen Kirche da nicht zurückstehen, ist klar. Sie sprechen von einem „Riss in der Ökumene“, von einem „Papier des Zeitgeistes und nicht des Heiligen Geistes“, von „mehr Verwirrung und Desorientierung“.

Was also soll das alles? Will die EKD dem Zeitgeist nachhecheln? Von Orientierung kann wirklich keine Rede sein. Vor allem aber fehlt mir Mut. Mut zu klaren Worten und Mut zu einem vielleicht altmodischen Familienmodell. Denn es ist das einzige, das unsere Zukunft sichert.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thomas Kreuzer, The European, Frank Schäffler.

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