Wir sollten mit dem Wort Krieg vorsichtiger umgehen. Tilman Brück

Der Neu-Macher

Deutschland ist aus dem Fokus des Vatikans. Der neue Papst hat die Welt und ihre Probleme im Visier.

So viele Hoffnungen, so viele Aufgaben, so viele Lasten liegen jetzt auf seinen Schultern: dem frisch gewählten Argentinier Franziskus scheint all dies durch den Kopf zu gehen, als er auf dem Balkon der Petruskirche vor den Römern steht. Bescheiden, sympathisch wirkt er. Ohne Glanz und Gloria. Keine Stola, keine Mozetta, den samtenen Mantel mit weißem Fell, den einst Josef Ratzinger nach seiner Papstwahl trug.

Es hat mich tief berührt, dieses Bild des neuen Mannes an der Spitze meiner Kirche. Seinen Namen hat er sich wohl sehr bewusst ausgewählt. Den Namen des Gründers des Franziskanerordens. Franziskus, der in Armut in einsamen Höhlen und zerfallenen Kapellen lebte.

Kraftquelle der Kirche

Dazu erfahren wir sehr schnell, dass Jorge Mario Bergoglio ein Jesuit ist. Einer von denen, die als Kraftquelle der katholischen Kirche gesehen werden. Die allesamt als hochgebildet und wortgewandt bezeichnet werden. Dieser Mann jetzt als Papst – ganz klar ein Signal für eine Kirche der Armen. Der Gerechten, des fairen Miteinanders. Besser hätte es nicht ausgehen können. Für die 1,2 Milliarden Katholiken auf der Welt, für die Millionen in Südamerika.

Wir in Deutschland, da bin ich sicher, werden nicht mehr so im Fokus des Vatikans stehen. Das ist gut so. Dann können die sechs deutschen Kardinäle, die 60 Bischöfe und Hunderte Priester sicher freier handeln. Wenn dieser neue Papst gar den Wunsch seiner Wähler, der Kardinäle, umsetzt, muss er sich an Strukturreformen wagen. Zum Beispiel eine Dezentralisierung der Kirche auf den Weg bringen. Die Regionen stärken. Seine, in Südamerika, aber dann auch Nordeuropa. Denn das, was zum Beispiel die deutschen Gläubigen umtreibt, ist sicher nicht so sehr sein Ding: Schwangerenkonfliktberatung, Kondome, Aids, die Abschaffung des Zölibats, die Zulassung zur Kommunion von wiederverheirateten Geschiedenen.

Beim Zölibat war schon vor der Papst-Wahl klar: Ein Ende des Zölibats steht im Vatikan nicht auf der Tagesordnung. Obwohl es der Kirche sehr helfen könnte, die Kompetenz und das Charisma der Frauen einzubeziehen. Vielleicht wird es ja Diakonate für Frauen geben, gesegnet wie die Äbtissinnen. Darüber denken zumindest schon einige Kardinäle in Rom nach.

Dieser Franziskus aus Argentinien wird sich aber ganz anderen Feldern widmen: dem Graben zwischen Arm und Reich, der Ungerechtigkeit auf der Welt, vor allem in den Ländern des Südens. Dem Drogenhandel, dem Menschen- und Kinderhandel. Der ungerechten Verteilung auf der Welt. All den Themen, die ihm schon in Buenos Aires auf den Nägeln brannten.

Entmachtung der Kurie

„Zu Hause“, im Vatikan muss er über eine Neuordnung des Kirchenstaates nachdenken. Das haben seine beiden Vorgänger zwar auch schon gewollt, aber nicht hinbekommen. Die Entmachtung der Kurie wird sicherlich auf seiner Liste stehen, wie auch eine Regionalisierung der Kirche. Denn die hat er schon als Bischof und Kardinal in Südamerika gefordert. Die könnte auch den deutschen Bischöfen helfen, eigene Regelungen zum Beispiel mit dem Umgang von wiederverheirateten Geschiedenen zu finden. Die gleichgeschlechtlichen Ehen hat der Kardinal Bergoglio schon in Südamerika verdammt. Bei Aids und der Verwendung von Kondomen wird er sich wohl wie sein Vorgänger vorsichtig annähern.

Benedikt XVI. ist jetzt ins Klosterleben eingetaucht. Nach acht Jahren ist es aus und vorbei. Jetzt guckt die Welt auf Franziskus. Wie sagte er gestern Abend am Ende seines ersten Auftrittes als Papst: „Buona notte e un bon riposo“. Einfache Worte, die jeder versteht. Dabei ist ein „riposo“ nicht einfach nur ein „Gute Nacht“. Nein, es hüllt das „beschützt werden“ mit ein. Wünschen wir uns Katholiken, dass er uns gut beschützen möge, dieser neue Papst aus Südamerika. Uns – die Frauen und Männer und – die Kinder. Und wünschen wir ihm Kraft und Mut und Leichtigkeit für die schwerste seiner anstehenden Aufgaben: denn die Missbrauchsdramen in der katholischen Kirche sind noch lange nicht benannt, geschweige denn aufgearbeitet. Daran ist wohl der deutsche Papst gescheitert. Er wird also viel zu tun haben. Habemus papam!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alan Posener, Walter Kasper, Andreas Kern.

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