Der Raubtierkapitalismus muss gefüttert werden. Jean Ziegler

Gib Gummi

Die Kirche muss sich bewegen. Ob es nun um Zölibat, Verhütung oder Frauenpriestertum geht: Ein heutiger Jesus würde ordentlich Schwung in den Laden bringen.

Zuerst: Ich bin mit vollem Herzen ­Katholikin. Zwar evangelisch getauft, aber katholisch aufgewachsen und dann endlich 2000 auch konvertiert. Die katholische Kirche ist mir Heimat, Rahmen in dieser hektischen, spannenden Welt. Aber: Aus eben diesem vollen Herzen wünsche ich auch Veränderungen. Bewegung. Wie damals nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965. Weil diese meine Kirche sonst immer mehr am gesellschaftlichen Rand wahrgenommen wird. Weil jetzt schon nur noch elf Prozent der Deutschen ihr vertrauen. Obwohl ihr offiziell 25 Millionen Menschen angehören. Von den Kirchenaustritten nach den Missbrauchsskandalen und dem unseligen Verhalten des Bischofs Walter Mixa ganz zu schweigen.

Der Zölibat wäre nur der „Door Opener“

Was also muss geschehen, will die katholische Kirche auch in der Zukunft bestehen? Ich denke, die Debatte um den Zölibat wird der Auslöser sein, damit weitergehende Reformen auf den Weg gebracht werden können. Schon jetzt fehlen der Kirche dramatisch viele Priester. Schon jetzt hat nur noch jede dritte Gemeinde einen Pfarrer. Hier muss und wird sich der Vatikan und vor allem Seine Heiligkeit, der Papst, bewegen. Hat nicht Benedikt XVI. nach seiner Wahl so sympathisch vom „einfachen und bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn“ gesprochen? Die Arbeiter im Weinberg erkennen, wenn die Reben gefährdet sind, wenn die Ernte misslingen könnte. Jetzt muss der Papst handeln.

Dabei ist der Zölibat nur der door opener. Die große Mehrheit aller engagierten Katholiken fordert schon längst, dass Frauen im Priesteramt 
zugelassen werden. Egal ob Jesus am Gründonnerstag, damals in Jerusalem, nur Männer zu Priestern berufen hat. Die Zeiten ändern sich, und ein Jesus heute würde die Zeichen der Zeit erkennen, Frauen fördern und sie praktizieren lassen. Davon bin ich überzeugt.

Ein bitteres Kapitel ist die Haltung des Vatikans zum Thema Kondome. Als stellvertretende UNICEF-Vorsitzende weiß ich, wie bedrohlich die nicht erlaubte und damit fehlende Empfängnisverhütung gerade in Afrika für die Menschen ist. Im südlichen Afrika sind Millionen Menschen mit HIV infiziert. Ohne Kondome wird das Virus seuchengleich weiterverbreitet. Hier scheint sich der Papst seit seinem letzten Afrika-Besuch zu bewegen. In einem Interview sprach er von der Möglichkeit, in dem einen oder anderen Fall könnten Kondome erlaubt sein. Das klingt nach Paradigmenwechsel, auf den vor allem die internationalen Hilfsorganisationen verzweifelt warten. Im Übrigen nutzt die Mehrheit der Katholiken weltweit Verhütungsmittel. Wie sonst ist die sinkende Geburtenrate in Deutschland, Italien oder Spanien zu erklären?

Mitsprache funktioniert

Zum Thema Verhütung aber auch noch dies: Die katholischen Laien in Deutschland haben mit ihren Bischöfen und Kardinälen eine erbitterte Diskussion zur Abtreibung und der Beratung von Schwangeren hinter sich. Der Vatikan und der Papst stellen sich seitdem noch vehementer gegen eine Schwangerenkonfliktberatung. Die Caritas musste als kirchliche Organisation deshalb davon zurücktreten. ­Andere engagierte katholische Laien führen sie bis heute durch. Aus meiner Sicht darf Kirche Frauen in dieser Situation nicht alleine lassen. Da muss sich dringend wieder etwas ändern. Beratung muss möglich sein.

Aber noch mal zurück zu den 25 Millionen Katholiken hier in Deutschland. Sicher, die Kirche ist nicht mit einem demokratischen Staat zu vergleichen. Aber dass die Laien so gar nicht gehört werden, so gar nicht vorkommen, wenn es um die Auswahl der Priester und der Bischöfe geht, das kann es doch auch nicht sein. Schließlich wird ja auch der Papst in einem demokratischen Mehrheitsverfahren im Konklave gewählt. Mit einfacher Stimmenmehrheit. Und dem berühmten weißen Rauch als Signal. Sogar jeder dritte der 400 Katholizismus-Professoren fordert in einem wohlwollend-sanft verfassten Schreiben eine tiefgreifende Kirchenreform. Unter anderem auch mit der Beteiligung der Gläubigen. Das muss noch lange nicht die so oft verfemte Basisdemokratie sein. Aber Mitsprache funktioniert.

Ich lebe in einer „Gemischt-Ehe“. Mein Mann ist evangelisch. Wir möchten aber verständlicherweise gemeinsam in die Messe gehen. Gemeinsam anstehen, wenn die Hostie ausgeteilt wird. Aber er darf das nicht. Und ich nicht bei ihm in der evangelischen Kirche. Auch hier setzen sich inzwischen schon Millionen Gläubige über dieses Verbot hinweg. Mit einem schlechten Gewissen. Wie schön war es doch auf dem letzten ökumenischen Kirchentag in München, als Katholiken und Protestanten zusammen mit Juden an langen Tischen das Brot brachen und den Wein teilten? Ist es nicht längst Zeit, die Betonpositionen aufzugeben und aufeinander zuzugehen? Ohne dass gleich wesentliche Positionen des eigenen Glaubens aufgegeben werden?

Veränderungen, Reformen, ein neues Konzil – all das könnte die Kirche stärken. Sie fit machen für die Zukunft. Ihr wieder Zulauf bringen von Menschen, die sich in ihr wieder ganz zu Hause und angenommen fühlen. Jesus hat doch so recht, wenn er Petrus animiert, über das Wasser zu gehen, und die Jünger fragt: „Warum habt ihr solche Angst? Ist euer Glaube so klein?“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Michaela Pilters, Heinz-Joachim Fischer, Paul Badde.

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Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

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