Solo für Armenien

von Maria Martirosyan2.05.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien

Armenien boykottiert den Song Contest im Nachbarland Aserbaidschan – gewonnen hat es dadurch allerdings nichts. Für die Armenier ist der Boykott trotzdem alternativlos.

Wenige Monate vor dem Eurovision Song Contest (ESC) begannen die europäischen Medien zu diskutieren und Prognosen darüber abzugeben, wie es wohl diesmal ausgehen wird. Für ESC-Neulinge wie Armenien und Aserbaidschan ist der Wettbewerb allerdings das ganze Jahr über Thema. Der Hauptgrund: Jedes Event, welches in Verbindung mit der Europäischen Integration steht, wird zur landesweiten Angelegenheit. Seit dem Sieg Aserbaidschans 2011 wurde die Teilnahme Armeniens in beiden Ländern heftig diskutiert. Aserbaidschan erklärte sie für möglich und garantierte so auch die Sicherheit der armenischen Delegation während des ESC in Baku. Welch gut arrangiertes diplomatisches Manöver: einen Liederwettstreit zu nutzen, um der Internationalen Gemeinschaft zu zeigen, dass Aserbaidschan sogar nach dem armenischen „Angriff“ bereit ist, für die Sicherheit des Nachbarn zu bürgen.

Keine diplomatischen Beziehungen

Währenddessen ging die armenische Gesellschaft völlig in der Diskussion darüber auf, wen man denn zum Wettbewerb schicken, oder ob man doch lieber gar nicht teilnehmen wolle. Die Vorschläge reichten vom Chansonnier Charles Aznavour bis zur Band System of a Down. Um es ganz deutlich zu machen: Armenien und Aserbaidschan haben immer noch keine Einigung über das umstrittene Grenzgebiet Bergkarabach (Nagorno-Karabakh) erreicht. Für die Armenier ist es historisch armenisches Land und somit „befreit“. Aserbaidschan hingegen beharrt darauf, dass es sich während der Sowjetzeit offiziell in Aserbaidschan befand, die Region deshalb „besetzt“ sei. Selbst nach dem Waffenstillstand 1994 wurde nie ein Friedensvertrag unterzeichnet, diplomatische Beziehungen gibt es bis heute nicht. Seit Beginn ihrer Teilnahme 2006 und 2008 wurde der ESC in Armenien und Aserbaidschan als politisches Instrument wahrgenommen. Das zeigt sich in den 12 Punkten, die Aserbaidschan jedes Jahr von seinem „politischen Verbündeten“ und „Bruder“, der Türkei, bekommt – und in den 12 Punkten, die Armenien von seinem „politischen Verbündeten“ Russland erhält, oder von Holland oder Griechenland, wo eine große armenische Gemeinschaft lebt. 2010 erhielt Aserbaidschan 0 Punkte aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien. Nehmen wir einfach mal an, weil das Publikum dort den aserbaidschanischen Song nicht mochte (0 Punkte aus Deutschland sind schwer vorstellbar, leben hier doch 3 Millionen Türken oder türkisch-stämmige Deutsche). 2011 gab es plötzlich eine Massensympathie für die aserbaidschanischen Teilnehmer – gleichzeitig war die Sympathie für die armenischen Teilnehmer komplett verschwunden: Sie erreichten nicht einmal das Finale. Beweise für das hohe Politisierungs-Level des ESC. Musik fungiert als Fassade, die das politische Spiel auf der europäischen Bühne verbergen soll. Von kulturellen Absichten kann keine Rede mehr sein.

Aserbaidschan in gutem Licht

In Armenien sind viele davon überzeugt, dass Aserbaidschan als Gewinner ausgesucht wurde, um die Chance zu erhalten, Europa zu beweisen, dass es mehr als nur Energieressourcen besitzt und positiv zur Abkühlung regionaler Konfrontationen beitragen kann. Letzteres wird angesichts der Tatsache, dass Armenien den ESC in Baku boykottiert, wohl warten müssen: Armenien erklärte, seine Teilnehmer nicht in ein Land schicken zu wollen, „welches Grundsätze des internationalen Rechts nicht akzeptiert“. Immerhin: Aserbaidschan schafft es, sich in einem guten Licht zu präsentieren. Armenien hingegen hat sich, statt den Nationalstolz zu schützen, eher selbst geschadet. Und dennoch: Angesichts der höchst emotionalen Beziehungen zu Aserbaidschan ist man dort der Auffassung, dass dieses Ergebnis das einzig mögliche war. _Übersetzung aus dem Englischen._

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