Informationen sind ein wesentlicher Bestandteil von Konflikten. Luciano Floridi

Fünf Euro für ein gutes Leben

Die Rentendebatte tobt. Dabei ist die Lösung ganz einfach.

Es klingt wie Harakiri und könnte doch im Triumph enden. Mit der Debatte um die Altersarmut hat Arbeitsministerin Ursula von der Leyen einen kalkulierten Tabubruch begangen. Denn das ist wirklich neu, dass eine Arbeitsministerin den Bürgern und Bürgerinnen auf schockierende Art und Weise verdeutlicht, dass viele Renten im Alter nicht das Leben absichern, sondern arm machen.

Ursula von der Leyen genügte eine dürre Tabelle mit ein paar Zahlen darauf, um genau das zu schaffen. Wer heute 2.500 Euro im Monat verdient, bekommt später so wenig, dass er zum Sozialamt muss. Das war die simple Botschaft der millionenfach gedruckten Zahlen von der Leyens. Drastischer geht es nicht. Publikumswirksamer auch nicht.

Punkte für Ursula von der Leyen

Was treibt eine bislang ziemlich erfolgreiche Politikerin an, derart Angst und Schrecken zu schüren – und das ein Jahr vor der Bundestagswahl? Ihre düpierten Kollegen aus der Unions-Fraktion sowie beim Koalitionspartner FDP sagen hinter vorgehaltener Hand und teilweise sogar schon öffentlich, von der Leyen wolle sich profilieren. Was sie mache, sei Erpressung: Indem sie öffentliche Stimmung für ihre Zusatzrenten hochpeitsche, setze sie die Koalition unter extremen Druck. Bügelt die Union die von der Leyen’sche Zusatzrente ab, könnte das Stimmen bei der Bevölkerung kosten. Und es eröffnet ein neues Schlachtfeld für die bevorstehende Bundestagswahl, das die Opposition genüsslich auskosten wird.

Das dürfte den Überlegungen der Arbeitsministerin in der Tat ziemlich nahe kommen. Zwar sieht es momentan nicht danach aus, als ob die Zuschussrente in der von ihr favorisierten Form kommt. Doch bei den Menschen im Land hat ihr die Aktion Punkte gebracht. Und die Opposition hat sie zu einem Generalangriff auf die Absenkung des Rentenniveaus genutzt und wird das weiter tun.

Die Rentenreform ist eine derart schwierige Materie, dass kaum jemand sich hier sicher fühlt. Argumente pro und contra wabern durch die Gegend, gepflegtes Halbwissen wird mit dem Brustton der Überzeugung kundgetan. Also weichen die meisten auf Emotionen aus: Wie kann es sein, dass jemand im Alter nicht von seiner Rente leben kann, wenn er jahrelang fleißig eingezahlt hat? Was ist das für ein System, in dem eine Verkäuferin mit dem Renteneintritt zum Sozialamt muss?

Hier rächt sich wieder einmal, dass die Menschen in diesem Land nur die allerrudimentärsten Grundkenntnisse in Finanzdingen haben und sich kaum jemand bemüßigt fühlt, das zu ändern.

Gehen wir die Sachlage durch: Wer 2.000 Euro im Monat verdient, zahlt inklusive der Arbeitgeberbeiträge derzeit knapp 400 Euro in die Rentenkasse. Nach 40 Jahren ergibt das einen Rentenanspruch von 688 Euro. Das klingt mickrig und ist sicher nicht genug zum Leben. Doch lassen Sie uns rechnen. Wir machen das ohne Gehaltssteigerungen, aber auch ohne Inflation, zur Vereinfachung. Ein Mann bezieht heute durchschnittlich 16 Jahre Rente, im Jahr 2030 werden es 21 Jahre sein. Frauen beziehen noch mal ein paar Jahre länger Rente, weil sie im Schnitt länger leben und werden im Jahr 2030 bei rund 24 Jahren liegen. Eine sehr grobe überschlägige Rechnung ergibt nun also Folgendes: Die Arbeitnehmerin zahlt 192.000 Euro an Rentenbeiträgen während des 40-jährigen Arbeitslebens. Und sie bekommt 198.144 Euro Rente während des 24-jährigen Ruhestands.

Wie sieht die Argumentation nun aus? Natürlich leben nicht alle Rentnerinnen noch 24 Jahre, aber deshalb handelt es sich ja auch um den statistischen Durchschnitt. Manche werden noch 30 Jahre leben, andere nur 18 Jahre. Das gleicht sich aus, auf eben die durchschnittlichen 24 Jahre. Wer aber soll nun die Differenz zahlen – die Mehrrente, die sich selbst in diesem sehr vereinfachten Modell ergibt?

Und wer soll den zusätzlichen Aufschlag zahlen, wenn wir heute der Meinung sind, dass 688 Euro zu wenig sind? Die Millionäre, die jetzt gleich immer genannt werden? O.k., rechnen wir auch das durch: Wenn wir dem Millionär seine Million abnehmen, können hunderttausend Rentner je 10 Euro bekommen. Wir haben derzeit rund 21 Millionen Rentner. Damit sie jeweils 10 Euro im Monat zusätzlich bekommen, müssen wir 210 Millionären pro Monat ihre Million wegnehmen und umverteilen. Die Millionäre sind dann arm wie eine Kirchenmaus. Das würde viele hierzulande zwar nicht stören, doch auch dieses übersimplifizierte Beispiel zeigt das Problem: Wir müssten pro Jahr 2.520 Millionäre komplett enteignen, damit jeder Rentner zehn Euro zusätzlich bekommen würde pro Monat. Und nun mal ehrlich: 698 Euro Rente statt 688 Euro würde kaum jemand zufriedenstellen, oder?

Lösung: Riester-Rente

Die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder hat sich deshalb mit nicht unbeträchtlicher Weisheit entschlossen, die umlagefinanzierte Rente durch die private Vorsorge zu ergänzen und das großzügig mit Steuergeldern zu fördern. Dumm nur, dass gerade die Geringverdiener sich das entgehen lassen. 40 Prozent von ihnen riestern nicht. Dabei gehören gerade sie zu den maximal Geförderten. Eine Alleinverdienerin mit zwei nach 2008 geborenen Kindern kann bis zu 754 Euro pro Jahr vom Staat bekommen – und muss dazu im besten Fall nur den Minimalbeitrag von 60 Euro im Jahr einbezahlen. Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen: Die Geringverdienerin zahlt fünf Euro pro Monat – und bekommt eine Zulage von knapp 63 Euro im Monat. Das Gleiche gilt für Ehefrauen ohne Einkommen, wenn die Kinder auf ihren Vertrag laufen. Das eingezahlte Geld muss sicher angelegt werden, kann also nicht in welchen Börsencrashs auch immer verloren gehen.

Nun frage ich Sie offen und ehrlich: Wer in diesem Land ist nicht in der Lage, fünf Euro pro Monat für eine Riester-Rente abzuzweigen?

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