Die Menschen interessieren sich zu wenig für Europa. Anthony Grayling

100 werden, arbeiten

Niemand will sich 33 Jahre ums Rasenmähen kümmern. Der demografische Wandel ist die größte Chance, die Arbeitnehmer jemals hatten.

Frauen, die im Jahr 1947 geboren wurden, können sich über 22,17 Jahre Rentenbezug freuen, Männer über immerhin noch 18,81 Jahre. Das ist keine akademische Frage: In wenigen Monaten wird die Generation der 1947 geborenen komplett in Rente sein.
Ihre Kinder, die 1970 geboren wurden, müssen zwei Jahre länger arbeiten als die Generation der Väter und Mütter. Und dennoch ist heute schon klar, dass auch sie noch einmal länger Rente beziehen werden als ihre Mütter und Väter: 22,37 Jahre für Frauen und 19,02 Jahre für Männer.

Diese Zahlen des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden zeigen, dass Deutschland immer mehr zu einem Land des langen Lebens wird: Wer im 21. Jahrhundert geboren ist, hat eine mindestens 50-prozentige Chance, seinen 100. Geburtstag zu erreichen.

Teil- und Auszeiten müssen zum Normalfall werden

Diese sensationelle Verlängerung der Lebenszeit wird zu den größten gesellschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte führen. Wie sieht ein glückliches 100-jähriges Leben aus? Klar ist, dass wir schon in Kürze über die Rente mit 67 nur lachen werden. Wo immer mehr Menschen 100 Jahre alt werden, werden immer weniger Menschen mit 67 aufhören wollen, zu arbeiten. Warum auch? Um sich 33 Jahre ums Rasenmähen zu kümmern?

Länger arbeiten können wir aber nur, wenn wir künftig anders arbeiten als heute. Teilzeiten und Auszeiten müssen zum Normalfall eines 50- oder 60-jährigen Arbeitslebens werden. Jobwechsel in ganz andere Felder im vierten oder fünften Lebensjahrzehnt werden zunehmen: Auch wer seine Arbeit wirklich liebt, will sie wahrscheinlich nicht 50 Jahre am Stück machen. Wer aber weiß, dass er bis 70 arbeiten wird, kann getrost mit 50 noch mal was ganz Neues anfangen. Das macht Spaß, stimuliert die Gehirnzellen und wirkt gegen Verkalkung.

Deshalb ist der größte Reiz eines 100-jährigen Lebens, dass es so viele neue Möglichkeiten schafft. Wer 50 ist, ist keinesfalls alt, sondern hat die Hälfte seines Lebens noch vor sich! Und wer 20 ist, muss keinesfalls ein Turbostudium durchziehen, sondern kann sich immer wieder seine Auszeiten nehmen.

Denn das ist das Versprechen des langen Lebens: Wenn es gelingen soll, brauchen wir Zeitsouveränität über unsere Arbeit. Wir müssen bestimmen können, wann wir wie viel arbeiten. Kann gut sein, dass wir Ende 30 einen Gang runterschalten, wenn die Kinder klein sind, und dann mit 52 wieder 120 Prozent bringen. Das wird jeder für sich selbst entscheiden müssen – und auch können.

Noch hört sich das alles utopisch an. Doch der sich schon jetzt abzeichnende Fachkräftemangel wird die Gewichte unabänderlich zu den Arbeitnehmern hin verschieben. Nicht nur Deutschland, die gesamte Welt altert. Manche Nationen schneller, andere langsamer. Doch alle altern. Und ab 2050 gehen die meisten Bevölkerungsexperten auch davon aus, dass die Welt insgesamt wieder schrumpfen wird.

Die Rente mit 67 ist kein Problem

In Deutschland ist der demografische Wandel bereits da. Und er ist die größte Chance, die Arbeitnehmer seit Langem hatten, ihre Wünsche durchzusetzen. Natürlich wird auch diese Bewegung wie so viele als Elite-Projekt starten: Die sehr gebildeten, sehr nachgefragten Fachkräfte werden anfangen, von ihren Arbeitgebern flexible Einsatzregeln zu fordern. Wer vier Monate zum Motorradfahren nach Mexiko will, wird dies genehmigt bekommen.

Nach und nach werden sich Sabbaticals, Teil- und Vollzeitregeln, Auszeiten und weitestgehend flexible Zeitschemata durchsetzen. Wer sie nicht anbietet, wird keine Fachkräfte mehr finden.
Nun liegt es an den Arbeitnehmern, sich diese Flexibilität auch zu nehmen. Es ist gut, dass wir länger leben. Die Rente mit 67 ist kein Problem, sondern ein Zwischenstadium auf dem Weg in eine Arbeitswelt ohne jegliche starren Altersgrenzen.

Die Autorin hat vor Kurzem „Die Midlife-Boomer: Warum es nie spannender war, älter zu werden“ in der Edition Körber-Stiftung veröffentlicht.

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