Im Abseits

von Marcus Urban4.09.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Schwach, kraftlos, weiblich. Vor allem im Fußball beherrscht immer noch das Vorurteil den Diskurs zur Homosexualität. Dabei gibt doch erst Toleranz Kraft zum Toreschießen.

Die Idee vom heterosexuellen Fußballer, der viele Frauen haben kann, passt zu den für Siege wichtigen Eigenschaften Dominanz, Kraft und Überlegenheit. Homosexualität mochte nie so recht in dieses Bild hineinpassen. Es war immer das Schwache, das Kraftlose, Feminine und Lächerliche. Dieses Etikett lässt Abwertungen und Diskriminierungen freien Lauf. Als schwuler Profifußballer entscheidet man sich auch heute noch für die Karriere und damit für die sexuelle Doppelmoral – oder dagegen. Die Spieler sind teilweise sehr jung und unerfahren und es ist verständlich, dass sie ihre Homosexualität bei der jetzigen Lage noch verstecken. Die Schwierigkeiten bei einem Bekenntnis zur Männerliebe werden gemeinhin von vielen als hoch eingestuft. Aber wenn sich jemand reif für eine Öffnung fühlt, warum nicht? Wir müssen weiter an einem freundlicheren Umfeld arbeiten, welches das ermöglicht.

Homosexualität passte bisher nicht zu den für Siege wichtigen Eigenschaften

Generell ist festzustellen, dass man nicht zwingend und ständig über Sexualität in der Öffentlichkeit sprechen muss. Aber viele Homosexuelle haben im Gegensatz zu Heterosexuellen das Gefühl, nicht darüber sprechen zu dürfen. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der das Leben bis ins Mark prägt, weil man vieles Schöne und Wichtige im Leben nie einfach spontan genießen oder sagen kann. Wird bei Fußballern Heterosexualität vorausgesetzt, haben wir bei Frauen das umgekehrte Klischee, dass Fußballspielerinnen ja lesbisch sein müssten. Dem Ball ist es letztlich egal, ob jemand homo- oder heterosexuell ist, er rollt einfach. Aber für viele bedeutet der Stadionbesuch mehr als nur das Spiel selbst. Für viele ist er eine Form von Freiheit, die im Alltag oft nicht mehr erlebbar ist. Einige wenige können ihre Feindseligkeiten vorm Stadionbesuch nicht klären und lassen sie mitunter dann dort aus.

Vielfalt stärkt den Fußball und die Gesellschaft

Der DFB, allen voran Präsident Theo Zwanziger, bemüht sich um eine Verbesserung im Fußball im Umgang mit Homosexualität. Stein für Stein muss die Mauer der Diskriminierung sexueller Identitäten abgetragen werden. Dafür wären eine breite Öffentlichkeitsarbeit, Kampagnen, Berücksichtigung in der Trainerausbildung, prominente Kommentare von Nationalspielern, restriktive Maßnahmen wie Stadionverbote, Diversity-Berater in den Vereinen, Regelwerke der Vereine, in denen homophobes Verhalten ausdrücklich untersagt wird, und anderes nötig. Viele Menschen aller Gesellschaftsbereiche haben sich bei mir gemeldet, darunter schwule Stadionsprecher, Basketballspieler, Ruderer, Fußballer, Kontaktleute zu Bundesligafußballern, schwule Kapitäne, Piloten, Geschäftsleute, Ex-Bundesligaringer, Kirchenvertreter oder Schüler und Studenten, die Aufsätze schreiben wollen. Sogar Einblicke in den Vatikan sind mir zuteilgeworden. Die Menschen sprechen und befreien sich dadurch. Eine Normalisierung im Umgang mit Homosexualität könnte in seiner Folge die Rolle von Männern und Frauen ausgeglichener gestalten. Die alten Etiketten passen nicht mehr. Durch eine Befreiung von festgefahrenen Zuweisungen stünden allen mehr Energie und Kraft zur Verfügung. Dies würde Potenziale für das Privatleben, aber auch die Arbeit freisetzen. Alle sind manchmal stark oder schwach, verlieren oder gewinnen, sind homo- oder heterosexuell. Die Natur hat’s so gemacht. Warum? Weil Vielfalt gesund ist und die Gesellschaft stärkt.

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