Im Bundestag altert man schneller. Florian Bernschneider

Ehud Barak, der Dickschädel

Benjamin Netanyahus rechte Regierung hat bei der Kommandoaktion gegen die sogenannte Gaza Freedom Flotilla schwere taktische und strategische Fehler begangen. Aber das Schimpfen der Weltöffentlichkeit hilft weder den Israelis noch den Palästinensern in Gaza.

Kompromisslose Kontrahenten sind vor der Küste Gazas kollidiert. Beide unfähig, die Bedürfnisse des anderen anzuerkennen. Die Teilnehmer der “Freedom Flotilla” zeigten nicht das geringste Verständnis für die terrorisierten Israelis. Sie wollten “ein Zeichen setzen”. Die hartherzigen Israelis waren zu keinen Zugeständnissen bereit angesichts der knappen Versorgungslage der Palästinenser im Küstenstreifen. Beide haben versagt: Israel hat sich provozieren lassen, während die Aktivisten Israel unvernünftig herausgefordert und neun von ihnen den Preis dafür mit dem Tod bezahlt haben.

Benjamin Netanyahus Regierung muss sich zwei Fragen gefallen lassen: Wie konnten Israels Marine und Nachrichtendienste so gravierende taktische Fehlentscheidungen treffen, die zum Desaster an Bord der “Mavi Marmara” entscheidend beigetragen haben? Wie kann es seine Regierung wagen, die strategische Beziehung zur Türkei zu zerstören und die Partnerschaft mit den USA weiter einer solchen Belastung auszusetzen?

Die politische Verantwortung Ehud Barak

Nicht zu verstehen ist die taktische Stümperei, die die israelische Marine in der Kommandoaktion gezeigt hat. Die Elitesoldaten wurden arglos in die Menge an Bord der “Mavi Marmara” geschickt. Einzeln in den wütenden Mob abgeseilt, ohne zuvor das Deck mit Tränengas geräumt zu haben, war es kein Wunder, dass sie gleich angegriffen wurden. Nachvollziehbar, aber unverzeihlich, dass sie zur Schusswaffe griffen, um sich selbst zu verteidigen. In ähnlichen Lagen haben sich Soldaten selten anders verhalten. So geschehen beim Boston Massacre 1770 wie beim Genueser G8-Gipfel 2001: Unfähig, eine aufgebrachte Menge zu kontrollieren, haben sie geschossen. Deutsche Polizisten kennen ähnliche Situationen – an jedem ersten Mai.

Die politische Verantwortung für dieses Versagen trägt Israels Verteidigungsminister Ehud Barak – ausgerechnet der Labor-Chef, der mit der Motivation, Netanyahu zu mäßigen, dessen rechter Koalition beigetreten war. Seine politische Zukunft steht mit dem Ergebnis der abzuwartenden Untersuchung auf dem Spiel.

Der stellvertretende Außenminister Danny Ayalon hatte seine Karriere ohnehin schon verspielt. Ausgerechnet diesen Rüpel in der verbalen Auseinandersetzung mit der Türkei erneut nach vorne zu schicken, grenzt an Dummheit. Unglaublich, mit welcher Fahrlässigkeit gerade dieser Mensch, der schon Ankaras Botschafter in Tel Aviv öffentlich gedemütigt hatte, die Partnerschaft mit der Türkei torpediert.

Die Stimmen der Vernunft werden auf beiden Seiten übertönt

Andererseits sind die unverschämten Beleidigungen und maßlosen Übertreibungen, die sich Israel gefallen lassen muss, alles andere als hilfreich. Gefragt wäre stille Diplomatie, die hinter den Kulissen Druck ausübt. Das öffentliche Krakele bestärkt Regierung und Bevölkerung Israels nur in der Überzeugung, allein gegen die Welt zu stehen. Eine Überzeugung, die zur blutigen Kollision in der Nacht des 31. Mai beigetragen hat. Und je lauter jetzt Israels Gegner schreien, desto mehr ist Israel im Recht.

Und so wird das Land so schnell kaum von der Blockade des Gazastreifens ablassen. Für die Regierung Netanyahu, die sich selbst in die Falle geredet hat, käme ein solches Zugeständnis nicht nur einem Gesichtsverlust gleich – es wäre ein Kontrollverlust. Schlimm genug die Niederlage in der PR-Schlacht dank der blutig geendeten Kommandoaktion. Der unmittelbare Effekt in Israel aber ist: Eine rechte Regierung wird sich in Abwehrhaltung noch weiter nach rechts bewegen. Und die Stimmen der Vernunft werden auf beiden Seiten übertönt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Reinhard Bütikofer, Gunter Weißgerber, Michael Wolffsohn.

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