Ein Gespenst geht um

Marcus Knaup30.05.2011Gesellschaft & Kultur

Ein Gespenst geht um in Deutschland: Die Angst, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Hat der Mensch das Ende seines Lebens erreicht, wenn er z. B. aufgrund einer Alzheimererkrankung nicht mehr klug über etwas nachdenken, keine Bücher mehr lesen und sich mit anderen vernünftig über etwas unterhalten kann?

Alzheimerpatienten vergessen erst Kleinigkeiten, schließlich scheint die Fähigkeit, sich bewusst an etwas zu erinnern, in einem Niemandsland verloren zu gehen. Dennoch: Bei diesen Menschen findet sich noch eine Weise des Gedächtnisses: das des Leibes, das die Kontinuität der menschlichen Person unterstreicht. Ich denke gerne an eine an Alzheimer erkrankte und seit Jahren bettlägerige Frau zurück, die in völliger geistiger Umnachtung lebte und zu einer bewussten Überlegung nicht mehr fähig war: Zwar wusste sie nicht mehr, wer sie war oder wer ihre Kinder sind, aber ihr Leib kannte nach wie vor die Bewegungsabläufe des „Bekreuzigens“. Das Kreuzzeichen hatte sie sich als junges Mädchen schon einverleibt. Ihr Leib konnte noch etwas Sinnvolles ausdrücken. “Ihr seelisches Leben drückte sich nach wie vor in ihren leiblichen Prozessen und Bewegungen aus(Link)”:http://www.theeuropean.de/stefan-gaertner/6656-der-gute-tod-von-gunter-sachs.

Menschsein ist mehr als der bewusste mentale Akt

Für den Mediziner “W. Dekkers(Link)”:http://www.cs.ru.nl/~wil/ ist klar, dass Menschsein mehr ist, als zu bewussten mentalen Akten fähig zu sein. Auch in Lebensphasen, wenn ein Mensch nicht mehr darüber nachdenken kann, was er anderen Menschen sagen will, kann der Leib etwas mitteilen. Am Gesicht eines bettlägerigen, von Demenz heimgesuchten Menschen kann man ablesen, dass er sich über die Berührung seiner Hand oder über bestimmte Musik im Radio freut. Gewisse Bewegungen dieses Menschen versteht Dekkers als „meaningful bodily expressions“. Hiermit meint er, dass sie uns etwas über die Person und ihre Lebensäußerungen sagen. Die geschilderten Menschen haben durchaus noch eine Weise subjektiven Erlebens. Sie sind keine „Sachen“, sondern noch „wer“, können sogar noch bestimmte Wertvorstellungen durch „meaningful bodily expressions“ ausdrücken. Sie haben vitale Bedürfnisse und ein Gefühlsleben. Mediziner und Pflegekräfte weisen darauf hin, dass an Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen leidende Menschen durchaus noch Freude am Leben haben können. An ihren Gesichtszügen lässt sich dies z. B. bei einem guten Essen, einem Krankenbesuch oder einer liebevollen Umarmung und Ansprache ablesen. Das Gefühl geliebt und irgendwie gebraucht zu werden, sich geborgen fühlen zu dürfen, ist hier ganz entscheidend. Hilfreich ist, nicht nur auf die Defizite dieser Menschen zu schauen, sondern auf das, wozu sie noch fähig sind. Jeder Mensch ist mehr als das, was er weiß und leisten kann. Das gilt gerade auch für den alten und kranken Menschen.

Schenkt den Lebensgeschichten Gehör

Die “Theologin Anne Foerst(Link)”:http://www.cs.sbu.edu/afoerst/ betrachtet den Menschen als ein Homo narrans narrandus: ein Wesen, das Geschichten erzählt und dessen Geschichte erzählt werden muss. Ihre Konsequenz: Ein Mensch im fortgeschrittenen Alzheimerstadium würde aus der narrativen Erzählstruktur einer Gesellschaft herausfallen und wäre keine Person mehr, der Würde zukommt. Aus theologischer Sicht, aus der Foerst ja selbst argumentieren will, ließe sich einwenden, dass Gott unser Leben und Leiden in seinen Händen trägt und gegenüber unserer ganz persönlichen Lebensgeschichten ist. Das bedeutet: Wir sind Gott so wertvoll, dass er uns nicht vergisst. Es sollte darum gehen, das Leben in seiner Ganzheit wiederzuentdecken (wozu auch schweres Leiden gehören kann) und menschlichen Gebrechlichkeiten, Schwächen und Krankheiten Raum zu geben. Im Hinblick auf die Menschen, die von Demenz betroffen sind, können wir in diesem Sinne festhalten, dass es wichtig ist, den Lebensgeschichten dieser Menschen Gehör zu schenken. Anders gesagt: Wir sind für ihre Geschichten mitverantwortlich.

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