Cui bono?

Marcel Tyrell12.08.2014Wirtschaft

Was sind die Hintergründe der momentanen Entwicklung? Und wer profitiert eigentlich vom herrschenden Zinsumfeld? Eine Analyse.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat mit ihrer Entscheidung in der Ratssitzung vom 5. Juni, in deren Folge sie verkündete, den Leitzins von 0,25 auf 0,15 Prozent und ihren Einlagenzinssatz sogar von Null auf -0,1 Prozent zu senken, Neuland betreten. Sie ist die erste große Zentralbank, die in den Bereich negativer Zinssätze vorstößt. Für Sparer sind das zuerst einmal schlechte Nachrichten: Die Verzinsung auf die Anlage finanzieller Mittel wird nochmals sinken und auch die Aussichten auf eine zumindest kurzfristige Zinswende stehen eher schlecht. Werden die Interessen der Sparer also momentan mit Füßen getreten? Was sind die Hintergründe der momentanen Entwicklung? Und wer profitiert eigentlich vom herrschenden Zinsumfeld?

Gefahr von Spekulationsblasen

Die Hintergründe der Entwicklung belegen, dass die EZB sich momentan in einer äußerst schwierigen Entscheidungssituation befindet. Einerseits muss sie sich mit massiven Deflationsgefahren in der Eurozone auseinandersetzen. Mehrere Länder der Eurozone haben damit zu kämpfen, dass sie nicht in eine Deflationsspirale, das heißt in einen anhaltenden absoluten Rückgang des Preisniveaus geraten. Dies hätte fatale Folgen, wie sich unschwer in Japan beobachten lässt, das Mitte der 90er-Jahre in eine ausgedehnte Deflation geschlittert ist, welche das Wirtschaftswachstum dort nachhaltig nahezu zum Stillstand gebracht hat. Andererseits gibt es in der Eurozone aber auch Länder wie beispielsweise Deutschland, denen es vergleichsweise gut geht und deren Inflationsrate (noch) positiv ist. Zusätzlich scheint sich in diesen Ländern die Gefahr von Spekulationsblasen zum Beispiel im Immobilienmarkt aufzubauen, die die Finanzstabilität gefährdet, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in ihrem neuesten Jahresbericht betont. Die adäquate Politik zur Bekämpfung dieser Gefahren wären dann jedoch Leitzinserhöhungen.

Die EZB ist somit derzeit mit dem zentralen Zielkonflikt konfrontiert, ob sie als Notenbank ihre Geldpolitik eher an der Finanzsystemstabilität oder der Deflationsbekämpfung ausrichtet. Ihre jüngste Zinsentscheidung scheint darauf hinzudeuten, dass sie Bekämpfung der Deflationsgefahren als momentan vorrangig betrachtet, auch wenn dies in einigen Ländern der Eurozone die Finanzstabilität gefährdet.

Der Gefahr begegnen

Was bedeutet dies alles für die Masse der Sparer in Deutschland, also die nicht institutionellen Kapitalanleger? Sie müssen sich darauf einstellen, dass noch für einen längeren Zeitraum von mehreren Jahren das derzeitige Zinsniveau erhalten bleibt. Gerade für deutsche Sparer ist dies jedoch mit Geldentwertung verbunden, so lange die Inflationsrate sich noch im positiven Bereich bewegt. Um dieser Gefahr zu begegnen, könnten sie, wie teilweise in der jüngsten Vergangenheit auch geschehen, verstärkt in Immobilien und Aktien investieren.

Da man aber jetzt schon von teilweise inflationierten Preisen für diese Anlageformen ausgehen muss, kann diese Anlagestrategie ein hohes Risiko bedeuten. Anleihen könnten daher eine gute Alternative sein, sofern es zu einer Deflation kommt. Denn wenn die Rückzahlung der Anleihen recht sicher ist, wäre das Geld mehr wert als heute. Und wenn es darüber hinaus zu weiteren Zinssenkungen käme, könnte man sogar mit Kursgewinnen auf die Anleihen rechnen. So oder so ist es jedoch gerade für deutsche Anleger momentan schwierig, eine Anlagestrategie zu entwickeln, die es ihnen erlaubt, positive Realrenditen ohne hohe Risiken zu erwirtschaften.

Wer profitiert? Auf den ersten Blick die Banken. Sie können sich zu historisch einmalig günstigen Konditionen Geld bei der EZB leihen und dies anlegen. Wenn sie beispielsweise das geliehene Geld in Anleihen ausfallgefährdeter Eurozone-Länder investieren und darauf bauen, dass im Falle eines Ausfalls diese Länder gerettet würden, dann erreichen sie eine auskömmliche Marge auf das eingesetzte Kapital. Die Hoffnung der Zentralbank ist jedoch, dass ihre lockere Geldpolitik die Banken veranlasst, nicht in Staatsanleihen zu investieren, sondern die Kreditvergabe an Unternehmen zu erhöhen. Diese Hoffnung erwies sich jedoch gerade für die deflationsgefährdeten Länder als bisher trügerisch.

Fliehkräfte nehmen zu

Zum zweiten profitieren von den historisch niedrigen Zinsen einige Euro-Staaten. So konnte beispielsweise im Juni die Finanzagentur des Bundes sechsmonatige Schatzanweisungen zu einem Zinssatz von minus 0,015 Prozent platzieren. Die Zinsbelastung auf Staatsschulden ist somit etwa in Deutschland äußerst niedrig. Dies ermöglicht einen beschleunigten Schuldenabbau, wenn die Gesamtwirtschaft weiterhin wächst. Da jedoch in anderen Ländern der Eurozone – wie Frankreich und Italien – eine Kombination von sinkender Inflation und abnehmender wirtschaftlicher Aktivität vorherrscht, ist es wahrscheinlich, dass diese Staaten trotz der niedrigen Zinsen nicht in der Lage sind, momentan ihre Schuldenlast zu reduzieren. Insofern könnte es sein, dass trotz der EZB-Politik die Fliehkräfte innerhalb der Eurozone zunehmen werden und es keine Gewinner geben wird.

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