Der Verlierer ist Europa. Gustav Horn

Umma 2.0

Dem Islam fehle es an Aufklärung und Reformation, kritisiert der Westen oft. Tatsächlich aber bemüht sich die muslimische Gemeinde, die Umma, derzeit um Erneuerung wie noch nie zuvor. Egal, ob in Religionsfragen oder Staatspolitik – durch globale Vernetzung hat die muslimische Jugend die Chance, viel zu verändern.

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Dass sich muslimische Gesellschaften nicht um Erneuerung bemühen, ist zunächst ein westliches Klischee. Das Leuchtfeuer der Wissenschaften, religiösen Disput, Kritik und Deutung des Korans – all das gab es im Islam über die Jahrhunderte hinweg schon immer. Was allerdings auch stimmt: Viele gute Ideen blieben in den Denkstuben der Gelehrten, viele kritische Bücher schafften es nie in die Bestsellerlisten arabischer Bibliotheken. Dort stand zuletzt doch immer der Koran. Die Revolution der Gesellschaft blieb aus.

Die ewige Jugend

Frische Ideen bringt immer die Jugend. Doch auch die Jugend altert irgendwann. Zuletzt definierte in der muslimischen Gesellschaft eine Gemeinschaft aus Vätern und Vorbetern den Ist-Zustand. Die Söhne und Töchter mussten folgen. Nun aber, im Jahrhundert der globalen Vernetzung, bietet sich den muslimischen Communitys eine neue Chance: Durch Facebook & Co., durch weltweite Vernetzung, bündeln sich neue Kräfte. Die Jugend muss nun nicht länger an dem festhalten, was schon immer Tradition war. Sie informiert sich selbst, was es über Koran und Prophet zu sagen gibt. Sie diskutiert in Foren, was im eigenen Land nicht stimmt. Sie findet in Social Networks Gleichgesinnte, die unzufrieden sind mit den Beschränkungen in ihrem Leben.

Der Beispiele gibt es jüngst genug: In Tunesien haben Jungakademiker die Regierung zu Fall gebracht. In Jordanien demonstrieren junge Arbeitslose gegen eine verfahrene Wirtschaftspolitik. In Ägypten empört sich die Web-Community über den Anschlag auf eine koptische Kirche.

Wie sehr die neue Vernetzung der alten Gemeinde auf das Gemüt schlägt, zeigt sich in der Reaktion der Staaten: Syrien sperrt Facebook seit anderthalb Jahren – weil dort die Golan-Höhen nicht eindeutig als syrisches Territorium definiert werden. Die Türkei blockierte die letzten zwei Jahre YouTube – weil Videos entdeckt wurden, die Kemal Atatürk verunglimpfen. Die Netz-Lust der Jugend können die Regierungen aber nicht verhindern: In der Türkei zum Beispiel ist mittlerweile fast jeder Dritte bei Facebook registriert.
Natürlich hängt die Vernetzung von den Möglichkeiten ab; ein Rechner mit Internetzugang findet sich nur in den wenigsten Haushalten. Aber dort, wo er steht, ist die Lust auf Social Networks laut Statistikdiensten wie socialbakers.com deutlich ausgeprägter als in Deutschland. Gibt es also bald ein Koran-Wiki, das die Suren neu deuten will? Und müssen all die Halbmond-Despoten fürchten, von demonstrierenden Jugendlichen qua Handyvideo aus dem Amt gejagt zu werden?

Freude an der Diskussion

Man sollte nicht vorschnell die Generation Facebook im arabischen Raum zur Revolutionsgarde erheben. Und man darf Fragen zur Religion und zur Politik nicht in einen Topf werfen. Wenn junge Tunesier ihre Regierung stürzen, dann rütteln sie damit nicht automatisch an den Grundpfeilern des Islam. Und wenn schwule Ägypter über ihr Leben unter konservativen Muslimen bloggen, dann wollen sie damit keinen Staatsstreich provozieren. Gleichsam aber zeigt sich: Die muslimische Jugend hat Freude am Diskutieren und Publizieren gefunden. Sie nutzt das Netz, um sich die eigene Größe zu bestätigen, um zu hören und Gehör zu finden.

Vielleicht ereignet sich so zwischen all den Updates ihrer Profilseiten schon bald auch ein schrittweises Update der muslimischen Community. Von den Ideen der Umma 2.0 ist dann viel zu erwarten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hardy Ostry, Christoph Giesa, Sheldon Himelfarb.

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