Vom Tuch zum Träger

Marc Röhlig4.10.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Politisches Symbol, religiöses Symbol, Symbol der Unterdrückung, dem Kopftuch werden viele Eigenschaften angedichtet. Dass wir so viel Aufheben um ein Stück Stoff machen, beobachten die muslimischen Länder mit Sorge. Wächst hier ein islamfeindlicher Staat, fragen sie mit Blick auf Deutschland. Nein – aber nur, wenn wir unseren Blick neu ausrichten.

Im Jemen, für Verschleierung gibt es hier kein Gesetz und keine religiöse Wacht, trägt fast jede Frau die Niqab und den Tschador. Wie schwarze Phantome huschen sie durch die Gassen. Die Weiblichkeit wird von der Gesellschaft subtrahiert. Im Iran, das Kopftuch ist hier gesetzlich vorgeschrieben, gibt es die Vollverhüllung nicht oft zu sehen. Viele Frauen werfen sich nur lose, dem Paragrafen gerecht werdend, einen Designerschal über den Hinterkopf. In Syrien, Frauen probieren hier alles von Trägertop bis Burka, hat die Regierung jüngst die Niqab vom Campus verbannt. Gesichtsverhüllung passe nicht an akademisch-aufgeklärte Universitäten. Die Kopftuchdebatte ist längst kein Phänomen des Abendlandes mehr – auch in muslimisch geprägten Ländern wird über das Ob und Wie der Verhüllung diskutiert. Doch im Orient gelten andere Vorzeichen als Deutschland. Wie hierzulande über das Kopftuch gestritten wird, darüber können Muslime in Istanbul, Kairo und Baghdad nur lachen. Oder aber erschrecken: Die hitzige Debatte um Kopftücher im Schulunterricht, auf der Straße, im Schwimmbad verleiht dem Stofftuch zu viel Gewicht. So wird die Islamfeindlichkeit in Deutschland befeuert, argwöhnt man im Orient.

Über das Kopftuch wird auch im Islam diskutiert

Das Kopftuch sehen wir als politisches Symbol. Nichts läge dem Stück Stoff und seiner Trägerin ferner. Es darf nicht als Aufruf zu Missionierung, gar Islamismus missverstanden werden. Vielmehr sollten wir das Kopftuch als das betrachten, was es auch für die Trägerin selbst ist: ein höchst privater Ausdruck von Religiosität. Deutschland fußt auf dem Recht der unbedingten Selbstbestimmung. Wir sind eine Demokratie, die es jedem erlaubt, seinen Glauben frei zu wählen und frei zu äußern. Ja, selbst die Religion auf dem Kopf zu tragen ist grundgesetzliche Freiheit und muss es bleiben. Das Kopftuch ist Symbol der Unterdrückung, argumentieren wir. Mag sein, in Afghanistan, im Iran, in Saudi-Arabien. Aber wir sind ein freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat. Es gilt die Unschuldsvermutung! Das Kopftuch muss als freier Wille begriffen werden. Ist dies nicht der Fall, dann gibt es Gesetze, die gegen Unterdrückung und familiäre Gewalt greifen. Diese gegen alte Patriarchen durchzusetzen ist Aufgabe des Staates – Multikultidusel ist fehl am Platz. Ebenso wie antiislamische Hetzer: Pauschal ein Kleidungsstück zu verbieten schützt den Träger nicht vor weiterer Drangsal. Die Dämonisierung des Kopftuchs befördert zumal die Islamophobie: Wenn eine Lehrerin mit Kopftuch vor die Klasse treten möchte, dann soll sie es tun dürfen. Ein Verbot schenkt dem Kopftuch erst seine Aufmerksamkeit. Ein Verbot erst sorgt dafür, dass schon unsere Kinder mit dem Gedanken aufwachsen: Dieses Tuch ist gefährlich! Das zementiert Vorurteile, statt Integration zu fördern.

Die Unschuldsvermutung muss auch fürs Kopftuch gelten

So sieht man’s im Orient: Dass in Deutschland so viel um ein Stück Stoff geredet wird, muss ja wohl islamfeindliche Gründe haben. Erst die Kopftuchdebatte hat das Kopftuch hierzulande zum Symbol gemacht. Die Mehrheitsgesellschaft hat dem Kopftuch seinen Charakter angedichtet. Und die deutsche Muslima trägt es nun bewusst als Statement – ein trotziger Anker gegen eine zunehmend islamophobe Gesellschaft. In der Kopftuchdebatte sollten wir nicht länger über ein Kleidungsstück diskutieren. Vielmehr sollten wir schauen, mit wem wir diskutieren: Zum Tuch gehört immer ein Träger.

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