Tür zu!

von Marc Lipsitch19.04.2013Wissenschaft

Mit Erregern wie Ebola oder der Vogelgrippe hat der Mensch gelernt, umzugehen. Unkontrollierbar werden Viren allerdings in Biolaboren. Sie sind gefährlicher als alles, was die Natur bislang hervorgebracht hat.

Wenn es um gefährliche Viren geht, ist immer die Rede von Ebola oder der Vogelgrippe (H5N1). Beide verursachen tödliche Krankheiten – 60 Prozent der H5N1-Infizierten sterben daran. Vorsorge scheint also sinnvoll, um eine Epidemie zu verhindern. Doch beide Viren haben eine Schwachstelle: Sie springen kaum von Mensch zu Mensch. Sie sind also lokal oder regional gefährlich – nicht global. Der beste Beweis: Obwohl hunderte Menschen sich in den vergangenen Jahren mit Ebola oder H5N1 infiziert haben, ist keine globale Pandemie ausgebrochen.

Die eigentliche Gefahr lauert also an anderer Stelle: Labore in den Niederlanden, in den USA und in Japan haben 2011 Forschungsberichte veröffentlicht, denen zufolge natürlich vorkommende Ableger des H5N1-Virus in Experimenten künstlich modifiziert wurden. In Tierversuchen mit Frettchen waren diese modifizierten Viren plötzlich durch Tröpfcheninfektion übertragbar. Teilweise waren lediglich fünf Gen-Mutationen notwendig, um die Übertragung des Virus deutlich zu beschleunigen. Die größte Hürde für eine globale H5N1-Pandemie und ähnlich gefährliche, übertragungsschwache Viren war damit gefallen.

H5N1 ist bis zu 1.000 Mal tödlicher als das normale Grippevirus, welches beispielsweise 2009 für eine weltweite Krankheitswelle verantwortlich war. Das Virus ist auch zehn bis dreißig Mal tödlicher als die Spanische Grippe aus dem Jahr 1918, an der zwischen zwanzig und fünfzig Millionen Menschen starben, sechs Mal tödlicher als SARS und sogar tödlicher als Pocken. Wenn ein durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragbarer Ableger des Virus auch nur einen Bruchteil dieser Sterberaten hervorruft, ist im Fall eines Krankheitsausbruchs mit einer schwerwiegenden Pandemie zu rechnen. Die größte Gefahr ist momentan, dass ein solches Virus durch einen Unfall aus dem Labor in die Umwelt gelangt. Er wäre tödlicher als alle natürlich vorkommenden Viren. Sollte sich ein Grippevirus wie H5N1 erst einmal unter Menschen verbreiten, ist die Infektionswelle mit derzeitigen Methoden kaum zu stoppen, denn die weltweit verfügbaren Grippe-Impfungen decken lediglich einen Bruchteil des Bedarfs.

Das hohe Risiko macht es notwendig, dass wir besondere Sicherheitsvorkehrungen treffen, um Laborunfälle zu vermeiden. Momentan hat sich die Wissenschaft selbst eine Auszeit für die Forschung mit künstlich modifizierten H5N1-Viren auferlegt, um zuerst die Gefahren besser zu analysieren. Doch die Dauer dieser Auszeit ist begrenzt. Die kritische Frage ist daher, welche Regularien wir vor ihrem Ablauf einführen sollten.

Zuallererst sollten wir die Anzahl der Labore und Wissenschaftler begrenzen, die mit solchen Viren arbeiten. Nur zwei Labore weltweit dürfen beispielsweise mit Pocken-Viren arbeiten – dem einzigen anderen Virus, der eine ähnlich hohe Gefahr darstellt. Jedes Mal, wenn diese Viren versendet werden oder in einem Experiment benutzt werden, besteht ein kleines, aber ernstzunehmendes Risiko. Forschungen am SARS-Virus haben in der Vergangenheit zu drei Laborinfektionen geführt, von denen glücklicherweise keine in einer Epidemie mündete. Der letzte bekannte Fall einer Pocken-Infektion passierte ebenfalls in einem Labor. Auch mehrere Grippewellen und der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche 2007 lassen sich auf Laborunfälle zurückführen.

Zweitens sollten Experimente nur noch dann erlaubt und finanziell unterstützt werden, wenn die erhofften Erkenntnisse das vorhandene Restrisiko einer ungewollten Ansteckung überwiegen. Das bedeutet konkret, dass Forscher nachweisen sollten, dass ihre Experimente medizinische Fortschritte ermöglichen, die sich nicht durch Experimente mit weniger leicht übertragbaren und weniger tödlichen Viren erreichen lassen.

Wir brauchen eine internationale Gefahrenethik

Sogar wenn Experimente mit gefährlichen Viren die einzige Möglichkeit zum Gewinn neuer Erkenntnisse sind, sollten wir einer Ausweitung der Forschungsprogramme mit einer gewissen Grundskepsis begegnen. Um ein sicheres Arbeiten zu ermöglichen, bedarf es gut ausgebildeter und erfahrener Laborkräfte und speziell konstruierter Sicherheitslabore. Mit den Viren arbeiten sollten nur Forscher, deren Immunsystem normal auf eine Schutzimpfung reagiert hat. Nur wenn die hohen Sicherheitsstandards konsequent umgesetzt werden, lässt sich die Forschung an Viren wie H5N1, Pocken, SARS oder Coronavirus – die zu Recht als Erreger globaler Pandemien klassifiziert werden – sicher durchführen.

Die Führungsrolle bei der Umsetzung dieser Sicherheitsstandards sollte der Westen übernehmen. Doch Technologien für die Viren-Forschung existieren überall auf der Welt. Es ist unabdingbar, dass sich ein globaler Konsens über Forschungen mit Superviren entwickelt, am besten unter Federführung einer Organisation wie der WHO. Die Risiko-Nutzen-Rechnung ist nur dann effektiv, wenn sie überall auf der Welt angewendet wird. Vor allem müssen wir verhindern, dass Forscher über Landesgrenzen hinweg nach Laboren suchen, in denen Sicherheitsstandards lax gehandhabt werden, um einfacher experimentieren zu können.

Wir brauchen also eine internationale Gefahrenethik. Entscheidungen in Berlin können im Fall einer Pandemie Auswirkungen von Boston bis Bangkok haben. Die Bedeutung der Viren-Forschung ist unbestreitbar. Ohne die Experimente mit dem H5N1-Virus wüssten wir beispielsweise nicht, dass schon eine geringe Anzahl genetischer Mutationen ausreicht, um das Virus von Mensch zu Mensch übertragbar zu machen und die Gefahr einer globalen Pandemie damit deutlich gesteigert wird. Dank solcher Experimente steht H5N1 heute wieder im Mittelpunkt. Weitere Forschungen zu Krankheitsentwicklung, Therapie und Impfstoffen können jetzt an anderen Viren erfolgen: Entweder an der natürlich vorkommenden Variante des H5N1-Virus oder anderen Viren, die zwar durch Tröpfcheninfektion übertragbar, aber weniger tödlich sind.

Die hier skizzierten Regularien würden die Viren-Forschung an die Kette legen. Lediglich für Experimente mit dem Ebola-Virus gibt es derzeit vergleichbare Einschränkungen. Doch Wissenschaftlern fällt es oftmals schwer, Einschränkungen der eigenen Arbeit zu akzeptieren: Die Wiederholbarkeit von Experimenten und der Konkurrenzkampf unter Forschern sind treibende Kräfte des wissenschaftliches Fortschritts.

In anderen Bereichen gelten Einschränkungen der Wissenschaft dagegen als normal: Viele interessante Experimente können nicht durchgeführt werden, weil wir uns beispielsweise Regeln für Tierversuche oder für Studien mit menschlichen Probanden auferlegt haben. Doch die Gefahr durch missglückte Experimente mit Superviren ist ungleich höher – und die Kontrolle der Forschung daher umso wichtiger.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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