Der intrinsische Erkenntnisdrang der Forscher mag einem abgeklärten Journalisten fremd sein. Andrea Kamphuis

Wenn Israel-Flaggen brennen, schweigt dieses Land

Der neue deutsche Antisemitismus ist perfider denn je zuvor, denn er trifft auf reine Gleichgültigkeit. Wenn nun am Brandenburger Tor, an der Stelle wo einst Deutsche mit Fackeln bewaffnet den Untergang des weltweiten Judentums verkündeten und zum Mord an Juden aufriefen, wieder die gleichen Worte erschallen, schweigt dieses Land.

Es gibt Dinge, die nie geschehen dürfen und es gibt Dinge, die niemals geschrieben werden sollten. Sie sollten nie geschrieben werden, da man hofft sie wären allgemein verständlich, eine Art Verständnis welches a-priori gegeben sei. So dachte ich immer von dem deutschen Verständnis über den Antizionismus und Antisemitismus, als eine Ideologie, welche rein aus dem Verständnis, in Deutschland nichts verloren hat, doch die letzten Tage zeigen, dass ich mich gewaltig irrte. Der neue deutsche Antisemitismus ist perfider denn je zuvor, denn er trifft auf reine Gleichgültigkeit. Ein Land, welches nach dem Brexit und der Wahl des amerikanischen Präsidenten Trumps, der neue moralische Führer der Welt werden wollte. Ein Land welches bei jedem Satz Trumps in einen kollektiven Rausch kommt, ein solches Land schweigt, wenn der eigenen Bevölkerung der Tod gewünscht wird.

Wenn nun am Brandenburger Tor, an der Stelle wo einst Deutsche mit Fackeln bewaffnet den Untergang des weltweiten Judentums verkündeten und zum Mord an Juden aufriefen, wieder die gleichen Worte erschallen, schweigt dieses Land. Wenn Synagogen angegriffen werden und Israel-Flaggen in den Brand gesetzt werden, schweigt dieses Land. All dies geschah am vergangen Wochenende in vielen deutschen Städten, wo Menschen nicht für etwas demonstrierten, sondern nur gegen etwas, nur gegen Israel, nur gegen die Juden. Es wurde dafür demonstriert, dass Israel von der Landkarte verschwinden solle, es wurde schlicht für den Hass demonstriert und dabei der Faschismus propagiert.

Die Demonstrationen wurden aufgelöst von einer Entscheidung, die in Deutschland Freude hervorrufen sollte und nicht das Gegenteil. Durch eine Entscheidung die für die meisten Deutschen, die aktuell die Weihnachtsgeschichte lesen, ein Fakt sein sollte, den sie auch in der Geschichte von Jesu-Geburt lesen könnten, durch die Entscheidung, dass Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt wird. Durch diese Entscheidung hat sich die Welt nicht geändert, keine Grenze wurde verschoben, keine Kugel geschossen, doch wurde sie zum Anlass genommen, den Faschismus zurück auf deutschen Boden zu bringen.

Die Bundeskanzlerin verkündete einst, dass Israels Sicherheit und damit die Sicherheit der Juden, Deutsche Staatsräson sei, doch welche Taten hat die Kanzlerin folgen lassen, welche Taten lässt sie heute folgen? Taten zählen mehr als Worte, wirklich etwas tun will niemand, besonders die Kanzlerin nicht. Über 100 Jahre nach Zola muss es immer noch heißen „J’accuse“, doch ändern tut sich nichts. Es tut sich nichts, obwohl der Zionismus, welcher einst auf der Basis von europäischen Pogromen gegen Juden entstanden ist und somit den moderen Staat Israel hervorgebracht hat, alle Werte des Westens vertritt. Der Zionismus ist auch aus diesem Grund, nicht mehr und nicht weniger als das Bestreben nach Freiheit.

Mit dem angeblichen Wunsch nach Freiheit wurde auch am Wochenende demonstriert. Aus den Mündern der Personen die hier für die „Freiheit“ demonstrierten, schlug aber kein Wunsch nach Freiheit, sondern es schlug der gleiche hasserfüllte Ton, welcher einst Deutschland erfüllte. Hier wurde nicht der Wunsch nach einem Land verkündet, sondern einzig und allein die Auferstehung des Faschismus. Die Ideologie, die angeblich auf deutschem Boden nichts verloren hatte, ist in den Köpfen der Menschen deutlich sichtbar. Max Liebermann kommentierte den Aufmarsch genau an diesem Brandenburger Tor, einst mit „ ich kann gar nicht so viel fressen, wie kotzen möchte“, dieser Mann würde heute bei den „Demonstrationen“ das gleiche sagen.

Die Frage, wie so etwas noch möglich ist, ist scheinbar keine Frage die sich gestellt wird. Der Kampf gegen diese Ideologie ist keiner, der mit einem Like auf Facebook für „Rechts – Nein Danke“ gewonnen wird, es ist einer, der durch Umdenken gewonnen wird. In keinem Land erreicht die Erinnerungskultur wohl solch einen Kultstatus wie in Deutschland. Überall finden wir die Erinnerung an das „böse Dritte Reich“. Die Deutschen schaffen es jedes Jahr am 27. Januar dem Holocaust zu gedenken und sind dann wieder glücklich, denn ein weiteres Jahr ist vergangen, mit dem angeblich auch die Schuld geringer geworden ist. In diesem Wahn der Deutschland erfasst hat wird das wichtigste vergessen, es wird vergessen auf den täglichen Kampf gegen Antisemitismus hinzuweisen. Wer verteidigt das heutige deutsche Judentum? Wer sorgt dafür, dass Männer in Deutschland ohne Sorge die Kippa tragen können? Wer bewacht die Synagogen die täglich bedroht sind? Keiner in Deutschland stellt sich diese Fragen, denn die Vergangenheit ist wichtiger.

Es gibt keine individuelle Schuld der meisten Deutschen mehr, aber es gibt eine kollektive Schuld, die diesen Boden niemals verlassen wird. Ein Land, welches sich „das Land der Dichter und Denker“ nennt, ein Land, welches Kant hervorgebracht hat, welches Friedrich den Großen aufgrund der Aufklärung verehrt und Goethe als einen elementaren Teil des Eigenen sieht, ein solches Land wird auch immer das Dritte Reich und das Unrecht in sich tragen.

Das deutsche Judentum hat dieses Land aufgebaut, dieses Land geprägt und ohne es wäre Deutschland nicht Deutschland, doch warum verteidigt es keiner?

Fehler kann man nicht ändern, man kann aus ihnen jedoch lernen. Das Land was bis heute schreit „nie mehr“ will damit viel mehr sagen „nie mehr wir, aber was die Anderen tun, ist nicht unsere Sache“. Deutschland verliert sich in der Vergangenheit und sieht nicht mehr was vor seinen Augen passiert. Es ist nicht nur tragisch, sondern zeigt, dass jeder moralische Anspruch, der von diesem Boden ausgeht nichts wert ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jörg Gebauer, Alice Weidel, Charlotte Knobloch.

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