Absurde Zölle – oder freier Handel wie einst? | The European

Die Auswirkungen der US-Wahl auf den europäischen und deutschen Markt

Manuel Heyden28.10.2020Medien, Wirtschaft

Die US-Wahl elektrisiert die Welt – und ebenso die deutsche und europäische Wirtschaft. Sie sieht der Präsidentschaftswahl ebenfalls mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits, weil niemand weiß, wie die Wahl und ob sie überhaupt rasch mit einem klaren Wahlsieger ausgehen wird. Andererseits, weil der Ausgang der Wahl für die Masse der Unternehmen möglicherweise gar keinen großen Unterschied macht. Eindeutig ist die Lage nämlich nicht. Von Manuel Heyden.

Zollstreit zwischen Amerika und Deutschland, Quelle: Shutterstock

Erinnern wir uns: Auch die deutsche Wirtschaft sah Donald Trumps Wahl im Jahr 2016 ausgesprochen negativ. Zu negativ, wie sich in den darauffolgenden Jahren herausstellte – zumal sich noch am Tag nach der Wahl die Aktienmärkte ins Positive drehten. Ein grundsätzlicher Trend, der bis heute anhält. Natürlich gab es viele schlechte Entscheidungen und Entwicklungen, auf die ich gleich eingehen werde. Doch unterm Strich hat auch die deutsche Wirtschaft vom Aufschwung der US-Wirtschaft – eine Fortsetzung aus der Obama-Zeit – und vor allem den massiven Steuersenkungen Trumps profitiert. Wie ist also erst einmal die Ausgangslage? Schließlich sind die USA der größte Einzelmarkt für den Export von Waren „made in Germany“.

„Vor dem Hintergrund der Handelskonflikte ist bemerkenswert, dass sich im Warenhandel zwischen Deutschland und den USA seit dem Amtsantritt Trumps außer bei den direkt betroffenen Produkten keine gravierenden Veränderungen ergeben haben“, sagt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Zwischen 2016 und 2019 sind die deutschen Warenexporte in die USA sogar von 107 auf 119 Milliarden Euro gestiegen, die Importe von 58 auf 71 Milliarden. Gleichzeitig investieren deutsche Firmen kräftig in Amerika und umgekehrt. Die USA sind der mit Abstand wichtigste Markt für deutsche Direktinvestitionen. VW, BMW und Mercedes lassen grüßen.

Heiße Handelskonflikte

Dennoch könnte es besser laufen. Die Trump-Regierung hat auf einigen Gebieten die Rahmenbedingungen drastisch verschlechtert, Handelskonflikte angeheizt und Zölle teilweise irrwitzig auf bis zu 352 Prozent erhöht, so dass sich etwa der Handel mit Stahl oder Aluminium aus Deutschland nicht mehr lohnt. Branchenvertreter sprechen gar von „obskur“. Die Frage ist nun: Würde sich all dies unter Joe Biden ändern?

Jein! Auf einigen Gebieten schon, anderswo wohl nicht. In jedem Fall werden wir es aber dann mit offeneren und planbaren Entscheidungsprozessen zu tun haben, was CEOs schätzen. Die Rahmenbedingungen für ein konkretes Projekt – und besonders die daran beteiligten Unternehmen – dürften sich allerdings wenig verbessern: Nord Stream 2. Verschwinden wird der Konflikt nicht, warnt das IW in einer Untersuchung zur US-Wahl („Biden versus Trump“). Auch ein Präsident Biden wird Nord Stream 2 weiterhin als „grundsätzlich schlechten Deal“ ablehnen und den Bau der Gasleitung als nicht im Interesse Europas ansehen. Zudem kamen die Sanktionen gegen Nord Stream 2 aus dem Kongress und zwar überparteilich, nicht aus dem Weißen Haus.

Eines aber ist bei Bidens Sieg absehbar:  Die “künstlichen Handelskriege”, die Trump angezettelt hat, werden beendet, wie es sein außenpolitischer Berater Tony Blinken verspricht. Denn die Erhöhung der Alu-Zölle in astronomische Höhen war genau eine Folge dessen: Vor einem Jahr fingen die USA an, wegen unerlaubter Subventionen Strafzölle auf Airbus-Importe zu erheben. Die EU möchte es mit Boeing ebenso handhaben – worauf die USA schließlich die Daumenschrauben bei Aluminium-Herstellern anzogen.

In der Wirtschaftspolitik „unterscheiden sich die beiden Kandidaten teils fundamental“, schreibt denn auch das IW in seiner Analyse. Demnach stünden die Demokraten für mehr staatlichen Einfluss. Auch wollen sie die Steuersenkungen Trumps revidieren. Zudem würde bei einem Gewinn Bidens für Europa „die preisliche Wettbewerbsfähigkeit wieder verbessert werden“, so die IW-Autoren, etwa durch das Schließen von Steuerschlupflöchern für US-Firmen.

Trumps Steuersenkung half deutschen Maschinenbauern

Doch machen wir uns nichts vor. Für jeden US-Präsidenten würde „America first“ sein. Trump hat dies nur besonders herausgestellt und würde dies fortsetzen. Bei seinem Sieg könnten Autozölle, die sich vor allem gegen Deutschland richten, wieder auf die Tagesordnung kommen. Doch auch das Programm der Demokraten ist stark protektionistisch geprägt“, bringt das IW in Erinnerung; zumal Biden massiv „Buy-American-Regeln“ unterstützt, also Vorgaben zum Kauf von in den USA hergestellten Gütern.

Sicher erscheint nur: Die Art und Weise des Umgangs wird ein anderer – und es wird auch nicht schlechter. „Mit seinem unberechenbaren Stil und dem Rückzug aus internationalen Abkommen hat Trump weltweit in der Wirtschaft für viel Unsicherheit gesorgt“, bilanzierte BDI-Präsident Dieter Kempf gerade. „Statt einer chaotischen US-Politik mit Zollspiralen und Abschottung“ benötigten Firmen Planungssicherheit und klare Rahmenbedingungen. Doch ist das vielleicht nur das Pflichtstatement eines Funktionärs? Laut einer Umfrage der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer rechneten zu Jahresbeginn 96 Prozent von 177 US-Töchtern deutscher Unternehmen damit, dass ihr Geschäft in den USA 2020 wächst. Corona hat ihnen dabei sicher einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber bis auf die angesprochenen Ausnahmen offenbar nicht Trumps Zoll- und Handelspolitik. Im Gegenteil: Trumps Steuerreform hat gerade die Investitionsbereitschaft der US-Firmen erhöht – wovon naturgemäß Maschinenbauer profitieren. So stieg der Export deutscher Maschinen in die USA von 2016 und 2019 um fast 20 Prozent.

Wenn ich also ein Portfolio nur unter dem Gesichtspunkt der Wahl zusammenstellen würde, würde ich eher nach dem Ausschlussprinzip vorgehen: Bei einem Trump-Sieg also keine deutschen Autobauer, Stahl- und Aluminiumhersteller und Firmen, die an Nord Stream 2 beteiligt sind. Bei einer Biden-Präsidentschaft dürften sich deren Rahmenbedingungen wiederum verbessern, darunter auch Airbus, mit Ausnahme vielleicht der Maschinenbauer. Deutsche und europäische Aktien, die von einem Trump-Sieg ausgesprochen profitieren würden, sehe ich nicht – der Effekt für Maschinenbauer ist nun auch vorbei. Anders sieht dies mit US-Aktien aus, wo man klare und auch schärfer getrennte Portfolios aufstellen könnte.

Zum einen könnte ein Trump-Portfolio durch Aktien der Rüstungsindustrie übergewichtet sein. Die Republikaner budgetieren historisch gesehen nicht nur deutlich mehr für Rüstungsausgaben. Trump lässt auch kaum einen Moment aus, nicht mit der Waffenlobby zu liebäugeln. Unternehmen wie Raytheon und Boeing gehören also eher in ein Trump-Portfolio. Zudem könnten alteingesessene US-Unternehmen wie Caterpillar oder GE profitieren sowie andere US-Unternehmen, die Trump gerne in öffentlichen Auftritten und Tweets erwähnt. Was im Trump-Portfolio Rüstungsunternehmen sind, sind im Biden-Portfolio Firmen im Bereich der Erneuerbaren Energien: Entwickler von Windparks oder Solaranlagen wie First Solar Inc. oder Brookfield Renewable Partners LP.

Wer von den beiden die Wahl auch gewinnen mag, es dürfte mit erheblicher Marktvolatilität gerechnet werden. Daher ist es unausweichlich, sein Portfolio in puncto Risiko zu bewerten und etwaige Absicherungsstrategien einzubauen.

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