Keine Macht der Welt kann Menschenwürde und Freiheit auf Dauer stoppen. Hans-Dietrich Genscher

Der Pirat in uns

Die Piraten sind keine Protestpartei junger Querköpfe. Ihre Wähler kommen aus allen Schichten. Die Piraten sind schon heute eine Mini-Volkspartei.

Als die Grünen nach der abrupten Kehrtwende in der Energiepolitik im Frühjahr 2010 in den bundesweiten Umfragen Werte von über 20 Prozent erhielten, bezeichnete der „Spiegel“ sie etwas voreilig als „neue deutsche Volkspartei“; denn das war und ist eine völlig verfehlte und mit der gesellschaftlichen Realität nicht übereinstimmende Einschätzung. Die Grünen sind seit ihrer Gründung Ende der 1970er-Jahre nämlich immer eine Klientelpartei für die oberen Bildungs- und Einkommensschichten gewesen und bis heute geblieben.

Kern der grünen Bewegung war das, was die politische Soziologie als „radikalisierte Mittelschicht“ bezeichnet. Und bis heute finden sich die Sympathisanten der Grünen hauptsächlich in den oberen Gehaltsstufen des öffentlichen Dienstes oder in dessen Dunstkreis (so würden z.B. 40 Prozent der Beamten des höheren Dienstes die grüne Partei wählen). Eine Volkspartei aber, die heterogene Wählergruppen mit unterschiedlichen Interessen- und Wertvorstellungen bündelt, waren die Grünen noch nie.

Die Anhänger der Piraten stammen aus allen Schichten

Das ist bei den Piraten anders. Sie entstammen allen Schichten der Gesellschaft und allen Wählergruppen. So kommen 85 Prozent der derzeitigen Sympathisanten der Piraten aus den alten, 15 Prozent aus den neuen Ländern. Die Anhänger der FDP und der Grünen hingegen stammen überwiegend aus dem Westen, während die Anhänger der Linkspartei überwiegend im Osten des Landes beheimatet sind.

Mit Ausnahme der über 60-Jährigen, die unter den Sympathisanten der Piraten eher unterrepräsentiert sind, sind alle anderen Altersgruppen – auch die Jahrgänge der 45- bis 59-Jährigen – unter den Anhängern der Piraten in dem Ausmaß vertreten, in dem sie es auch in der Gesamtheit der Wahlberechtigten sind. Das war in der Anfangsphase der Grünen völlig anders.

Die Piraten sind keine Bewegung, die nur bei der Jugend Anklang findet. Die Sympathisanten der Piraten sind auch nicht – wie die Anhänger der FDP, vor allem aber der Grünen – „überbildet“ und überwiegend Bürger mit Abitur oder Hochschulabschluss. Sie entstammen vielmehr allen Bildungsschichten.

Schon heute eine Mini-Volkspartei

Unter den Anhängern der Piraten finden sich, anders als bei den Grünen, auch kaum Beamte, dafür aber mehr Arbeiter als bei den Anhängern aller anderen Parteien. Die soziale Ausgewogenheit der Anhängerschaft der Piraten zeigt sich weiterhin darin, dass alle sozialen Schichten (von der Oberschicht bis zur sozialen Unterschicht) gleichermaßen bei den Piraten vertreten sind. Die Piraten entsprechen somit eher dem Charakter einer Volkspartei, als es Klientel-Parteien wie die Grünen oder die FDP tun.

Die Sympathisanten der Piraten konzentrieren sich zudem in der politischen Mitte der Gesellschaft. Die derzeitigen Anhänger der Piraten kommen – wie Untersuchungen für den „Stern“ und RTL ergeben – von allen Parteien. 16 Prozent der jetzigen „Piraten“ haben bei der letzten Bundestagswahl die SPD, 15 Prozent CDU oder CSU gewählt. 13 Prozent haben 2009 den Grünen, 12 Prozent der FDP, sieben Prozent der Linkspartei und zehn Prozent einer der sonstigen Parteien ihre Stimme gegeben. 27 Prozent der Piraten-Sympathisanten haben sich 2009 nicht an der Bundestagswahl beteiligt. Insgesamt stellen somit die Anhänger der Piraten eher einen repräsentativen Querschnitt aller Wahlberechtigten dar als die Anhänger der anderen Parteien, unter denen bestimmte soziale Gruppen unter- oder überrepräsentiert sind.

Ob aus den vielen Sympathisanten der Piraten (derzeit würden 12 Prozent aller Wahlwilligen bei einer Bundestagswahl die Partei wählen) auch tatsächlich feste Wähler werden, bleibt zwar abzuwarten. Doch eine aussichtsreiche Chance, im nächsten Bundestag vertreten zu sein, haben die Piraten allemal – weil sie heute schon eine Mini-Volkspartei sind.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Andersen, Oliver Wenzlaff, Stefan Andersen.

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