Staatstragend grün

von Manfred Güllner14.10.2010Innenpolitik

Die einstige Öko- und Protestpartei ist im Umfragehoch. Forsa-Chef Manfred Güllner sieht dafür zwei Gründe: die Wahrnehmung der Grünen als regierungsfähige Partei und die Affinität vieler für “grüne” Themen. Ob sich das Umfragepotenzial am Wahltag zeigt, ist trotzdem fraglich.

Die Grünen würden derzeit auf Bundesebene von rund einem Viertel aller wahlwilligen Wahlbürger gewählt. Sie erhielten mehr Stimmen als die SPD und lägen nur noch wenige Prozentpunkte hinter der Union. In Baden-Württemberg liegen die Grünen wenige Monate vor der Landtagswahl deutlich vor der SPD und nur noch knapp hinter der CDU, und in Berlin würden die Grünen im Augenblick sogar stärkste Partei. Diese augenblickliche Stärke der Grünen ist zum einen darauf zurückzuführen, dass sie ihre Stammwähler besser mobilisieren können als die anderen Parteien. Diejenigen, die sich “grünen” postmaterialistischen Werten verbunden fühlen, gehen relativ geschlossen bei Wahlen auf allen Politikebenen – Bund, Länder, Kommunen, Europa – zur Wahl.

Original statt Kopie

Zudem erhalten die Grünen heute Zulauf von früheren Wählern der SPD, die bei den letzten Wahlen – so auch bei den Bundestagswahlen 2009 und 2005 – aus Enttäuschung über die Sozialdemokraten nicht wählen gegangen sind. Doch die in der Vergangenheit in dieser Gruppe noch vorfindbaren Vorbehalte gegen die Grünen sind inzwischen verflogen. Anders als früher wirken die Grünen heute als seriöse, solide, verlässliche und letztlich auch staatstragende Partei. Viele frühere Anhänger der SPD, die mit dem Zustand der deutschen Sozialdemokraten nach wie vor eher unzufrieden sind, können sich deshalb heute, anders als früher, die Wahl der grünen Partei durchaus vorstellen. Einige neue Sympathisanten erhalten die Grünen inzwischen auch aus dem sogenannten “bürgerlichen” Wählerlager aus CDU/CSU und FDP. Der Anteil von Zuwanderern aus dem Regierungslager zu den Grünen ist zwar nicht so groß wie der aus dem Lager der SPD; doch der eine oder andere mit der Politik der Bundesregierung nicht sonderlich Zufriedene entdeckt zurzeit auch die Grünen als eine wählbare Alternative. Der Zustrom zu den Grünen wird im Übrigen auch dadurch verstärkt und stabilisiert, dass sich die SPD, aber in zunehmendem Maße auch die Union, nicht mehr klar von den Grünen abgrenzt. Teile von SPD und CDU/CSU glauben, einem vermeintlich “grünen” Zeitgeist hinterherlaufen und entsprechend viele “grüne” Themen “besetzen” zu müssen. Doch die Folge dieser Fehleinschätzung ist nicht eine höhere Attraktivität von Union oder SPD. Vielmehr entscheiden sich bei einer Überbetonung grüner Themen durch die anderen Parteien viele Wähler gleich für das Original und nicht die Kopie.

Klientel- statt Volkspartei

Allerdings sind die Zuwanderer aus dem Lager der SPD und der Union zu den Grünen noch keine den Grünen bei den nächsten Wahlen sicheren Wähler. Wenn die Union und vor allem die SPD wieder klarere Konturen gewinnen und Themen behandeln, die ihre Wählerschichten wirklich für wichtig halten, können die derzeit bei den Grünen “zwischenparkenden” früheren SPD- und CDU/CSU-Wähler auch wieder zu ihrer angestammten Partei zurückkehren. Zu bedenken ist zudem, dass die Grünen trotz der für sie derzeit extrem positiven Stimmung noch weit davon entfernt sind, eine Volkspartei zu sein, die über eine bestimmte Klientel hinaus die Interessen auch heterogener Wählergruppen in Politik umsetzt. Prozentuiert man die Umfragewerte der Grünen nicht auf der Basis der “Wahlwilligen”, sondern auf der Basis aller Wahlberechtigten, dann würden derzeit ca. 15 bis 16 Prozent aller Wahlbürger Grün wählen wollen. Und das ist nicht ein Querschnitt der Gesamtbevölkerung, sondern das sind die oberen Bildungs-, Berufs- und Einkommensschichten – meist im Umfeld des öffentlichen Dienstes. Aus diesen oberen sozialen Schichten, die sich um ihr materielles Wohlergehen keine großen Sorgen machen müssen, rekrutieren sich die derzeitigen Anhänger der Grünen. Damit sind die Grünen unverändert eine Klientel-, aber keine Volkspartei, die die Interessen sehr verschiedener Wählergruppen bündeln muss.

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