Christian Wulff ist keine Idealbesetzung. Alexander Kissler

Gauck hat Quälpotenzial

Von vielen wurde Gauck als bester Kandidat gehandelt, jedoch im gleichen Atemzug ausgeschlossen: Die Kanzlerin würde damit eine Niederlage eingestehen. Dabei kann Merkel mit dem Vorstoß für den Bürgerrechtler der Opposition eins auswischen.

Es kann und darf nur einen geben, es muss allein dieser sein: Joachim Gauck! Er wäre die perfekte Rache von Angela Merkel. Dazu freilich müsste ihre Lust an der Revenge größer sein als ihre Angst, dass die Öffentlichkeit denkt, sie hätte vor zwanzig Monaten aufs falsche Pferd gesetzt.

Erinnern wir uns: Nach dem überraschenden Rücktritt von Horst Köhler war damals zunächst die Springer-Presse („Welt“) mit dem Namen Gauck vorgeprescht, gefolgt von „Spiegel“ und „FAZ“. Dann sprang Jürgen Trittin auf den fahrenden Zug, gefolgt von Sigmar Gabriel. Gemeinsam brachten sie Angela Merkel in die Bredouille: Soll sie, trotz eigener Mehrheit in der Bundesversammlung, dem Vorschlag der Opposition folgen? Sie entschied sich, um diese Peinlichkeit zu vermeiden, für Christian Wulff. Das war ein Fehler, wie man heute weiß.

SPD und Grüne kommen nicht mehr vom Gauck-Zug runter

Doch jetzt kann sie diesen Fehler nicht nur rückgängig machen, sondern gleichzeitig die Opposition etwas quälen. SPD und Grüne kommen von Gauck nicht mehr runter. Das sagen sie auch, obwohl den Öko-Sozen bei dem bloßen Gedanken an eine erneute Kandidatur des konservativen, freiheitsliebenden, tiefgläubigen Antikommunisten die Beine vor Panik schlackern und ihnen der kalte Schweiß übers Gesicht läuft. Sie hatten es ja damals gar nicht ernst gemeint, wollten nur Merkel ein bisschen piesacken. Insgeheim wussten sie immer, dass Gauck zu ihnen passt wie Sprengstoff zum Zünder.

Im vergangenen Oktober, als weltweit Hunderttausende gegen die Macht der Märkte auf die Straßen gingen und die Bewegung „Occupy Wall Street“ von sich reden machte, trat Gauck bei einer Veranstaltung der „Zeit“ in Hamburg auf. Die Antikapitalismusdebatte sei „unsäglich albern“, sagte er, sprach von „Irrtum“ und „romantischen Vorstellungen“. Mit Blick auf die Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 warnte er vor einer Protestkultur, „die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht“. Auch den Ausstieg aus der Atomkraft nach Fukushima sah er kritisch. Solche Entscheidungen dürfe man nicht von der „Gefühlslage der Nation“ abhängig machen. Die deutsche Neigung zu Hysterie und Angst sei „abscheulich“.

Ja, so kennt man den Pastor und Bürgerrechtler. Gauck beklagt sich über „eine vor 20 Jahren nicht vorstellbare antikapitalistische Welle in Deutschland“, steht als Transatlantiker stets eng an den Seiten der USA, setzt sich für die Vertriebenen und den Afghanistankrieg ein, schimpft auf die Montagsdemos gegen Hartz IV („töricht und geschichtsvergessen“), sagt nach der Finanzkrise: „Wer ausgerechnet der Wirtschaft die Freiheit nehmen will, wird mehr verlieren als gewinnen“, und zur Integrationsdebatte: „Es gibt Viertel mit allzu vielen Zuwanderern und allzu wenigen Altdeutschen.“

Das Oppositions-Getöse um Gauck ist Mumpitz

Das sind doch eindeutig prägnantere Formulierungen als „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“. Wenn Merkel, Rösler und Seehofer nur ein wenig der Schalk im Nacken säße, könnten sie das ganze Gauck-Getöse von SPD und Grünen durch entwaffnende Zustimmung zu diesem Kandidaten einfach mal als das entlarven, was es ist: Mumpitz.

Leider werden wir wohl um diesen durchaus unterhaltsamen Erkenntnisgewinn gebracht, und statt Gauck kommt zum Beispiel Bischof Wolfgang Huber. Der ist zwar viel zu klug für das Amt, in dem mehr Hände geschüttelt als Reden gehalten werden müssen. Aber eben auch keiner, der Anti-Emotionen entfacht. Ins Schloss Bellevue wird Gelehrsamkeit einziehen, die allen Respekt abnötigt. Und dem Amt wird von der Öffentlichkeit wieder der Mühlstein der Ignoranz um den Hals gelegt.

Schade.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ernst Elitz, Christoph Giesa, Richard Schütze.

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