Wir waren Papst

von Malte Lehming21.09.2011Gesellschaft & Kultur

Der Papst mag nach Deutschland kommen, aber das Zentrum christlichen Glaubens ist Europa schon lange nicht mehr. Von Benedikt XVI. kann daher niemand erwarten, Rücksicht auf die Befindlichkeiten in Berlin-Mitte zu nehmen.

Der deutsche Papst ist kein deutscher Papst. Benedikt XVI. ist das Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken weltweit. Das Christentum wiederum wächst nicht bei uns, sondern in Afrika und Asien. Über Deutschland herrscht jene „Gottesfinsternis“, die der Papst zuletzt auch beim Weltjugendtag in Madrid beklagte. Hier schrumpfen die christlichen Gemeinschaften, das säkulare Umfeld wird größer und äußert sich mitunter gar aggressiv atheistisch. Gleichzeitig nimmt das gesellschaftsprägende Gewicht des Islam zu. Daraus entsteht für Christen ein doppelter Rechtfertigungsdruck – gegenüber der wachsenden Religionsferne und der wachsenden religiösen Konkurrenz. Aus Traditionschristen werden Entscheidungschristen, heißt es mitunter. In die Entscheidungen aber fließt in erster Linie das Bekenntnis zu einer Tradition ein.

Solidarisierung der christlichen Kirchen

Wer glaubt, der deutsche Papst müsse bei seinem Deutschlandbesuch auf deutsche kulturelle Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen, verkennt die globale Dimension des Katholizismus. Eine germanozentristische Sicht auf den Pontifex verbietet sich. Harald Schmidt hat das unlängst in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ so ausgedrückt: „Der Papst kann nicht jede Stunde eine Meinungsumfrage in Auftrag geben, was jetzt gerade in Berlin-Mitte angesagt ist. Dafür haben wir Sigmar Gabriel. Bei 1,2 Milliarden Katholiken weltweit ist es einigermaßen unerheblich, wenn bei uns in Deutschland zwei Homosexuelle die Trauung verschieben, weil sie erst noch protestieren gehen wollen. Das kann Rom nicht weiter beunruhigen.“ Doch ist Deutschland auch das Land der Reformation. Der Papst wird das Augustinerkloster in Erfurt besuchen, in dem vor 500 Jahren (von 1505 bis 1512) der Mönch Martin Luther lebte und mit seinem Glauben rang. Und er wird sich – auf eigene Initiative – mehr Zeit, als ursprünglich geplant war, für Gespräche mit Vertretern der Evangelischen Kirche nehmen. Diese ermutigenden Schritte führen in die Zukunft einer neuen Solidarisierung der Kirchen. Das gilt erst recht, weil in den global wachsenden christlichen Gemeinschaften die europäischen Trennungsmomente kaum eine Rolle spielen. Wer einen Hausgottesdienst in China oder einen Feldgottesdienst in Ghana besucht, wird Mühe haben, protestantische von katholischen Elementen zu unterscheiden. In synkretistischer Weise verweben sich dort meist Stammestraditionen, Charisma, Gospel und kulturelle Spezifika zu einer je einzigartigen Form. Eine neue Gemeinschaft der Christen (einschließlich der Orthodoxen) ist notwendig auch durch die weltweite Verfolgung von Glaubensgeschwistern. Von den ursprünglich rund 1,2 Millionen irakischen Christen sind bereits mehr als zwei Drittel geflohen. Die Zurückgebliebenen leben in Angst. In Nordkorea sind Zehntausende Christen in Arbeitslager gesperrt. In einigen islamischen Ländern wird Apostasie mit dem Tode bestraft. Nicht allein in Saudi-Arabien kann es lebensgefährlich sein, in der Bibel zu lesen. Wenn nicht der gemeinsame Glaube Gemeinschaft stiftet, was dann? Wer dagegen die Spaltung zementiert, schwächt den weltweiten Kampf für die Religionsfreiheit.

Die Zukunft liegt in der Diversifizierung

Die Gemeinschaft der Heiligen ist größer als die der Katholiken, Protestanten und Orthodoxen. Sie umfasst mehr als Pfingstler, Evangelikale, Charismatiker, Freikirchler und Opus-Dei-Mitglieder. Das Projekt der großen christlichen Ökumene zu fördern im Zeichen der weltweiten Verfolgung, der europäischen Säkularisierung und der globalen Diversifizierung: Das ist die christliche Aufgabe der Gegenwart.

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