Wir müssen den Menschen die Dimensionen der Energiewende verdeutlichen. Torsten Albig

Sie kann es doch werden

Während Europäer angesichts der Politik von Sarah Palin nur den Kopf schütteln können, wirkt sie auf die weiße US-Arbeiterschicht wie eine Droge. Da auch das Skandalpulver verschossen scheint, hat sie trotz aller Unkenrufe eine realistische Chance auf das Amt des US-Präsidenten.

Es gibt Dinge, die dem gemeinen Europäer im Hinblick auf die USA stets unverständlich sein werden. Die Todesstrafe, der private Waffenbesitz, die Weltpolizei, die Rolle der Religion, Sarah Palin. Wie kann ein nicht unerheblicher Teil des Volkes bloß so verrückt sein, eine solche Frau zu verehren? Politisch ahnungslos, radikal, einfach gestrickt. Viele Deutsche erinnert die ehemalige Gouverneurin von Alaska außerdem fatal an Eva Herman. Da Europäer aber den Amerikanern spätestens seit George W. Bush und dessen Wiederwahl eine Menge Absurditäten zutrauen, trösten sie sich mit dem Gedanken, durch eine Palin-Kandidatur wäre jedenfalls eine zweite Amtszeit von Barack Obama sicher. Denn gegen den habe die doch nun wirklich keine Chance.

Palin wirkt auf die weiße Arbeiterschicht wie eine Droge

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Zwar muss man sich zu einigen Aussagesätzen noch einige Konjunktive mitdenken, aber es wäre kein Wunder, wenn Sarah Palin sowohl die Vorwahlen der Republikaner gewinnen als auch für Obama eine ernsthafte Gegnerin werden würde. Man könnte es ebenso gut andersherum formulieren, wie es Jacob Heilbrunn in der Januar/Februar-Ausgabe der Zeitschrift The National Interest tut: "Für Palin könnte es keinen perfekteren Gegner geben. Obama steht für alles, gegen das sie seit Jahrzehnten kämpft – ein elitärer Ivy-League-Absolvent, der seine Herkunft verdrängt, um sich der Meritokratie anzuschließen.“

Innerhalb kürzester Zeit wurde Palin zur stärksten Kraft in der Republikanischen Partei. Sie ist heute eine der bekanntesten Politikerinnen des Landes. Die Mischung aus Sexappeal, Bodenständigkeit, Anti-Intellektualität, Religiosität, Familiensinn, Unverkrampftheit, Patriotismuspathos und Angriffslaune wirkt vor allem auf die weißen Wähler aus der Arbeiterschicht wie eine Droge. Mithilfe der konservativen Tea-Party-Bewegung hat Palin die Republikanische Partei bei den letzten Kongresswahlen zum Triumph geführt. Gegen sie läuft dort nichts mehr. Ein solcher Erfolg passt nicht ins Bild einer naiven Hinterwäldlerin. Palin zu unterschätzen ist töricht.

Das Kritikpulver ist verschossen

Hinzu kommt, dass sie im Gegensatz zu anderen potenziellen Kandidaten kaum noch Angriffsflächen bietet. Ihr Leben ist erforscht, ihre Schwächen sind analysiert, monatelang haben ihre Widersacher alles an die Öffentlichkeit gezerrt, was sie hätte kontaminieren können. Damit ist das Kritikpulver verschossen. Inzwischen prallt fast jeder Einwand von Palin ab. Ihr Bekanntheitsgrad dagegen ist enorm hoch. Beide Punkte addieren sich zu wichtigen Vorteilen in einer Mediendemokratie.

Aber werden nicht Wahlen in der Mitte statt am Rand gewonnen? Bislang gibt es keine Indizien, die belegen, dass der Rechtsruck der Republikaner ihnen geschadet hätte. Im Gegenteil: Motivation statt Moderation heißt die Devise. Je konservativer die Republikaner wurden – getrieben von Sarah Palin –, desto stärker wurden sie. Die eigene Klientel zu enthusiasmieren ist bei traditionell niedriger Wahlbeteiligung offenbar erfolgversprechender, als durch Friedefreudeeierkuchenpropaganda Langeweile zu verbreiten und Anhänger in die Wahlabstinenz zu treiben. Und philosophisch stehen die Amerikaner den Republikanern ohnehin näher als den Demokraten.

Sarah Palins Erfolg knüpft sich an die Verachtung und Herablassung, die ihr von liberalen, gebildeten und bürgerlichen Kreisen entgegengebracht wird. Obamas Wahlsieg 2008 war eine Revolution. Das nächste Jahr könnte die Konterrevolution einleiten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Beate Wedekind, Ulf Poschardt, Jo Groebel.

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