Warum "mager" schick ist

Mahret Kupka9.12.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Kaum verkündet die BRIGITTE stolz, dass künftig keine professionellen Models mehr im Magazin auftauchen, fährt Karl Lagerfeld dem Hamburger Frauenmagazin über den Mund: “Runde Frauen will da niemand sehen!”

Von “runden Frauen” ist explizit bei der BRIGITTE nie die Rede gewesen. Woher die vom gemeinen Standpunkt aus betrachtet seltsame Schräglage in der Modewelt kommt, dass alles, was im knabenhaften Raster des dort herrschenden weiblichen Ideals stecken bleibt, dick ist, erklärt sich möglicherweise durch die Vorliebe für Extrema. Alles geht, nur normal darf es nicht sein. Und dick auch nur im Rahmen einer ausladenden Inszenierung, wie im Falle der Sängerin der US-Band Gossip Beth Ditto beispielsweise, die Herr Lagerfeld zu seinen Musen zählt. Eine Ausnahme, denn wer in der Mode nicht die nötige (körperliche) Exaltiertheit à la Ditto von Haus aus mitbringt, ist besser dünn und zwar extrem dünn, um eine Chance auf Erfolg zu haben und das beschränkt sich nicht nur auf eine Modelkarriere. Aber warum?

Erklärungsansätze gibt es viele

Darunter so fragwürdige wie der, dass in der Homosexualität der meisten (männlichen) Designer der Grund für Androgynität auf den Laufstegen zu suchen sei. Oder so ökonomisch Ansätze wie das Sparstrumpfargument: Weniger Körper bedeute weniger teure Stoffe und damit günstigere Musterkollektionen. Die vermeintliche Ästhetik wird auch oft angeführt, eben dass Mode an dünneren Frauen besser aussehe. Eine Tatsache ist, dass die Thematik die Gemüter erhitzt und die Lager spaltet in einen kleiner Kreis solcher, die “drin” sind, in der Mode und daher gezwungenermaßen irgendwie “pro” Magermodel, die, die gerne drin wären und den großen Rest, der sich nicht repräsentiert fühlt, durch Modelle, die so weit entfernt sind, vom in der Regel recht durchschnittlichen Selbst, das wiederum von der Mode so gemieden wird, wie das Weihwasser vom Teufel. “Die Welt der schönen Kleider hat schließlich mit Träumen und Illusionen zu tun” sagt Lagerfeld in seinem Anti-BRIGITTE Pamphlet an anderer Stelle. Und die sind eben mager und nicht mehr nur schlank, sportlich und weiblich, wie vielleicht noch in den 90er Jahren zu Zeiten der großen Supermodels. Ein vom Plebs als schön empfundener Körper ist heute durch Fitness und Schönheitschirurgie keine Kunst mehr. Dank zahlreicher ausgeklügelter Diätprogramme darf man sogar schlemmen und auch die Bewegung wird zum positiven Erlebnis stilisiert. Mager zu sein ist hingegen Verzicht auf irdische Genüsse, Askese, Selbstzucht, Strenge, wahre Leistungen, die nur wenige im Stande sind zu erbringen, die aber nicht nur in der Modebranche (traurige) Bedingung für Erfolg sind.

Es ist naiv zu behaupten, dass die Modewelt abstrakte Ideale diktiert.

Die Mode ist ein Markt, der nach ökonomischen Gesetzen funktioniert und von Exklusivität lebt und jede Saison aufs Neue von der stetig nachrückenden Realität davonläuft. Insofern kreiert jede Gesellschaft ihre eigenen Ideale und so auch das des extrem dünnen Modellmenschen, der uns nicht nur in der Mode begegnet, sondern auch auf der Leinwand in der künstlichen Werbewelt und in der retouchierten Magazinrealität. Wer dünn ist, der hat über den eigenen Körper gesiegt und damit dem Erfolg scheinbar auf ganzer Linie Tor und Tür geöffnet. Die “Magermodels” wären demnach nur überspitzter Ausdruck einer gesellschaftlichen Begehrlichkeit, die an den Rändern auszufransen beginnt: Eine Entwicklung in eine andere Richtung ist unausweichlich und zeichnet sich bereits ab. Der Magerwahn hat schließlich seine natürliche Grenze.

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