Das System ist kaputt. Kumi Naidoo

Alles für das Enkelkind

Nie zuvor konnten sich Großeltern so intensiv um ihre Enkel kümmern wie heute. Das wirkt sich auf das Generationenverhältnis aus.

Am liebsten würde Lionel bei seinen Großeltern einziehen. Natürlich ist der Sohn meiner Freundin Babsy gerne zu Hause. Seine Eltern beschäftigen sich viel mit ihm – neben den alltäglichen Verpflichtungen. Papa kommt erst am Abend von der Arbeit, Mama kümmert sich um den Haushalt. Und dann ist da noch die sechs Monate alte Schwester Madita.

Bei Oma und Opa ist das anders: Sie toben mit dem Vierjährigen, machen Ausflüge und bauen ihm ein Baumhaus im Garten. Sie kochen sein Lieblingsessen und lassen ihrem Enkelsohn rund um die Uhr uneingeschränkte Aufmerksamkeit zuteil werden. Lionels Großeltern tun, was Großeltern seit jeher tun: verwöhnen.

Doch ein Blick ins nähere Kleinkind-Umfeld wirft die Frage auf: Artet die Enkel-Fürsorge langsam aus? Die Eltern meiner schwangeren Bekannten rüsten ihr Wohnmobil, damit sie möglichst oft bei ihrem Enkelkind sein können. Die Schwiegermutter meiner Freundin bezeichnet ihre Haupttätigkeit in der Frührente als „Omasein“. Großmütter stricken Mützen auf Vorrat, kochen kiloweise Brei ein und überhäufen die Kleinen mit Spielzeug. Großväter schreinern Baby-Möbel und montieren Kindersitze in ihren Autos.

Auch unsere Großeltern haben uns schon verwöhnt. Mit unserem Lieblingsessen, Süßigkeiten, Spielen. Doch im Gegensatz zu heute saßen bei uns damals in der Regel noch mindestens drei Cousinen und Cousins mit am Tisch, die auch um die Aufmerksamkeit von Oma und Opa buhlten.

Wetteifern um die Gunst des Enkels

Wegen der demografischen Entwicklung sind Enkelkinder heute nicht mehr selbstverständlich. Die Geburtenziffer liegt in Deutschland aktuell bei 1,41 Kindern je Frau. Die Senioren stürzen sich mit ihrer gesamten Liebe und Aufmerksamkeit auf den herbeigesehnten Nachwuchs. Den Kindern wird umgekehrt mehr Großeltern-Zeit zuteil. Wenn es in einer Familie mehr Großeltern als Enkel gibt, kann so sogar ein regelrechter Wettkampf um die Gunst des einzigen Enkelkindes entbrennen.

Und auch auf materieller Ebene ist diese Konzentration zu spüren: Weil nicht mehr alles auf eine ganze Schar an Kindeskindern aufgeteilt werden muss, wird der Nachwuchs mit Geschenken überhäuft, gemeinsame Unternehmungen werden teurer und spektakulärer, gelegentliche Finanzspritzen höher.

Doch nicht nur die Zahl der Enkelkinder hat sich durch den demografischen Wandel verändert, sondern auch die Großeltern selbst. Heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern bei 77, die von Frauen bei 82 Jahren. Enkel und Großeltern verbindet also oft eine längere gemeinsame Lebensspanne als früher. Oma und Opa begleiten jetzt auch in der Schul- und Studienzeit alle wichtigen Ereignisse.

Hinzu kommt, dass Senioren heute fitter und mobiler sind als dies noch vor 50 Jahren der Fall war. Großmütter haben einen Führerschein, können ihre Enkel von der Schule abholen und mit ihnen spontane Ausflüge unternehmen. Viele Großeltern gehören außerdem zur Gruppe der sogenannten „Silver Surfer“. Sie lernen von ihren jungen Enkelkindern und bleiben somit auf der Höhe der Zeit. Während wir Gespräche mit Oma am Telefon früher kurz halten mussten, weil es noch keine Flatrate-Tarife gab, nehmen Großeltern heute per WhatsApp oder Skype am Leben ihrer Enkel teil.

Großeltern werden dringend gebraucht

Noch nie war die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln so intensiv wie heute. Was bedeutet das für die Eltern? Geht die neue Präsenz der eigenen Eltern, von denen man sich mit Karriere und Familiengründung gerade abgegrenzt hat, zu weit? Die Resonanz aus meinem Freundes- und Familienkreis: Natürlich möchte keines der frischgebackenen Elternpaare, dass sich die eigenen Eltern in die Erziehung der Kinder einmischen. Aber solange sie klaren Regeln folgt und auf beidseitigem Einverständnis beruht, wirkt die Beziehung zwischen Großeltern und Kindern auf das Verhältnis zu den eigenen Eltern sogar entspannend. Drei-Generationen-Ausflüge, gemeinsame Abendessen und sogar Urlaube gehören plötzlich wieder zum Familienalltag. Woher kommt diese Wiedervereinigung der Generationen?

Der Wandel unserer Lebensformen hat zur Folge, dass heute beide Elternteile relativ früh nach der Geburt eines Kindes wieder arbeiten gehen. Gleichzeitig dafür zu sorgen, dass das Kind gut betreut ist, stellt viele Paare vor eine große Herausforderung. Wenn man sich der Unterstützung durch die eigenen Eltern sicher sein kann, lässt sich die Familiengründung leichter bewältigen.

65- bis 85-Jährige verbringen durchschnittlich 15 Stunden pro Woche damit, ihre erwachsenen Kinder im Haushalt und bei der Betreuung der Enkelkinder zu unterstützen. Dadurch ermöglichen sie es ihren Kindern, ein emanzipiertes Leben zu führen: ihrer Karriere nachzugehen, soziale Kontakte zu pflegen und auch mal einen kinderfreien Paarabend zu verbringen.

Großeltern sind nicht nur zu einer wichtigen Betreuungsinstanz geworden, sie sind als Bezugsperson für die Enkel unverzichtbar. Omas und Opas werden dringend gebraucht. In der Schweiz wurde ihnen deshalb jetzt sogar ein ganzes Magazin gewidmet. Thema der ersten Ausgabe: Wie Enkel das Leben von Großeltern verändern. Auch der kleine Lionel hätte dazu sicherlich einiges beizutragen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Madeleine Hofmann: Jung und verzogen?

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