Der seltsame Verfall des Abendlandes

von Matthias Horx1.06.2014Gesellschaft & Kultur

Der Westen hat seine Strahlkraft verloren. Gut so, denn seine SchwÀche ist eine notwendige Evolution.

Wer in der ISS, der Internationalen Raumstation, den Planeten umkreist – 14-mal innerhalb eines Tages, mit knapp acht Kilometer pro Sekunde – der sieht weder Ost noch West. Nur einige Relikte einer Zeit sind geblieben, in der sich zwei Blöcke, radikal verschiedene Werte-Systeme, politische Mega-Systeme gegenĂŒberstanden. In SĂŒdostasien wird, wenn man die Nachtseite durchfliegt, plötzlich ein ganzes Land von einem Blackout verschluckt. Nordkorea, das dunkle Reich der Vergangenheit, liegt zwischen den urbanen Lichtermeeren Chinas, Japans und Nordkorea im Dunklen. Nur Pjöngjang, die Hauptstadt, ist als gelblicher Schein bis in den Orbit sichtbar.

„Der Westen“ war immer schon eine Imagination

Die Welt formt sich neu. Alte Ordnungen vermengen sich mit neuen, lĂ€ngst vergessen geglaubte PhĂ€nomene – fanatischer Nationalismus etwa – springen wie Zombies aus dem Grab. Putins leuchtendes Reich der Fossilenergien ist gleichzeitig ein Anachronismus und ein Zukunftsprojekt. Das Erstarken von „gewĂ€hlten Diktatoren“ hat eine innere Logik die – rekursiv – auf die Geschichte des Westens verweist. Demokratie, PluralitĂ€t, Toleranz, so dĂ€mmert uns, steht eben nicht am Anfang einer Entwicklungsgeschichte. Sie ist das Resultat einer langen Historie von Konflikt, Erfahrung, Kampf und Scheitern. So wie auch „der Westen“ im 20. Jahrhundert unentwegt scheiterte, laufen heute die SchwellenlĂ€nder durch immer neue Krisen und Konflikte.

Ihnen hochnĂ€sig den westlichen Erfolg vorzuhalten, gerĂ€t gottlob langsam aus der Mode. „Der Westen“, das war immer schon eine ChimĂ€re, eine paradoxe Konstruktion, eine idealistische Imagination. „Der Westen“ konstituierte sich ausgerechnet durch den verheerendsten Krieg der Neuzeit, den Zweiten Weltkrieg. Danach verdeckte die binĂ€re Logik des Kalten Krieges, dass „Westen“ niemals einen monochromen Kulturraum benannte, wie man ihn den Römern oder den Maya oder den Mongolen oder den historischen Khmer unterstellen kann (selbst deren Kulturen waren in sich vielfĂ€ltiger, als wir heute glauben). Auch der Begriff des „Abendlandes“, auf dessen unweigerlichen Zerfall sich der schwĂŒlstige Paranoiker Oswald Spengler berief, war immer eine Projektion, ein Mythos, auf dessen BĂŒhne und in dessen Keller auch der Kolonialismus tobte, die grausame AusplĂŒnderung ganzer Kontinente.

Der ungerechte Vorteil der Geschichte

Die neue Welt-Unordnung macht all diese Illusionen und VerklĂ€rungen heute auf paradoxe Weise sichtbar. Sie zeigt die SchwĂ€che des Westens, aber sie weist auch in Richtung auf neue Wege des VerstĂ€ndnisses. Der bittere antiwestliche Zorn, den man heute in China und Russland und vielen anderen SchwellenlĂ€ndern immer noch verspĂŒrt, gilt dem ungerechten Vorteil der Geschichte, in dem der Westen sich historische Privilegien nahm und sich gleichzeitig SuperioritĂ€t anmaßte.

Das Demokratie-Ideal endete meist dort, wo man mit einem Diktator kooperierte, der die eigenen Interessen vertrat. Als letztes großes Experiment scheiterte die „kriegerische Demokratieerzwingung“ in den Desastern von Irak, Afghanistan (teilweise) und, damit verbunden, Syrien. Seitdem lernt der Westen Demut, Kontrollverlust, Selbstzweifel. Das eröffnet neue Chancen fĂŒr BrĂŒcken zwischen Ost und West, Nord und SĂŒd. In Afrika zeichnen sich heute zum Beispiel neue Allianzen zur Beendigung von BĂŒrgerkriegen ab.

Wir stehen wieder an einem Punkt wie 1914

Wenn wir „westlich“ als die FĂ€higkeit zur Selbstreflexion, zum kreativen Zweifel, zur ewigen Revision, zur Weiterentwicklung von KomplexitĂ€t im Denken und Handeln verstehen, dann ist diese Entwicklung zur SchwĂ€che eine notwendige Evolution. „Je mehr eine Kultur begreift, dass ihr aktuelles Weltbild eine Fiktion ist, desto höher ihr wissenschaftliches Niveau“, schrieb Albert Einstein. In der kommenden Netzwerk-Welt haben wir alle die gleichen Probleme und Möglichkeiten: intelligentere StĂ€dte bauen, Energie auf neue Weise produzieren, MobilitĂ€t organisieren, bessere und effektivere Kooperationen finden.

Wenn wir „das Westliche“ als jenes Abenteuer der HumanitĂ€t verstehen, in dem Kunst, Kultur, Technologie, Wissen und Politik in ein neues, ganzheitliches VerhĂ€ltnis zueinander treten, dann ist die Geschichte nicht, wie Francis Fukuyama es einst behauptete, an ihrem Ende, sondern an ihrem Anfang. Wir stehen tatsĂ€chlich wieder an einem Punkt wie 1914, als sich das „Zukunftsschicksal der Nationen“ entschied. Nur: Geschichte wiederholt sich nicht, „aber sie neigt dazu, sich zu reimen“, wie Mark Twain es formulierte. Am besten sieht man diese neue Welt, in der der Westen sich endlich in seinem eigenen Universalismus auflöst, aus der erhabenen Umlaufbahn.

_”Dieser Kommentar erschien zuerst auf dem Europa-Spezial des The European.()”:http://de.theeuropean.eu/_

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