Rauchen stresst

von Matthias Horx19.07.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Das Image des Rauchens durchläuft einen grundlegenden Wandel. Aber der hat viel weniger mit Verboten zu tun als die Politiker uns gerne glauben machen. Der gesellschaftliche Gesinnungswandel ist hauptsächlich verantwortlich.

Das Rauchen hat in der Geschichte mehrmals seine soziale Bedeutung verändert. Es war ursprünglich eine höfische Sitte, nur Adlige konnten sich das Kraut aus dem Orient leisten. Dann wurde Rauchen proletarisch, ein Kick für die unterdrückten Massen. Von da aus trat es seinen Siegeszug in den Mittelstand an. Für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration stand die Zigarette für die Belohnung für ein arbeitsreiches und traumatisches Leben. In der Aufsteiger-Welt der Nachkriegszeit signalisierte der Griff zum Nikotin: Ich kann mir Luxus leisten. In den 60ern war Rauchen rebellisch und cool, Zeichen intellektueller Überlegenheit und garantierter Nicht-Spießigkeit. Im Rückblick erweist sich dieser Anti-Gestus als Augenwischerei. In Wirklichkeit rauchten eigentlich alle – 80 Prozent der Männer.

Revolution der Sitten und Gebräuche

In den meisten Teilen Europas, in den USA sowieso, hat sich in den vergangenen Jahren ein gigantischer Werte- und Verhaltenswandel vollzogen. Mit einer in der Kulturgeschichte seltenen Geschwindigkeit ändern sich Sitten und Gebräuche. Wo man noch vor Kurzem als Nichtraucher höflich hustend um ein Eindämmen des Rauchkonsums flehen musste, gehen Raucher heute wie selbstverständlich auf den Balkon. In hartgesottenen Qualmnationen, wie Italien und Irland, wo die Gaststättenverbände den Ruin der Gastronomie voraussagten, ist durch das Rauchverbot genau das Gegenteil eingetreten. Man geht mit Kind, Kegel und Oma in den Pub, in die Trattoria. Die öffentlichen Räume haben sich “entgiftet” – und deshalb belebt. Aber wieso kommt dieser große Umschwung ausgerechnet jetzt? Und jetzt erst? Unsere Kultur, unser Wertesystem, wird von Megatrends bestimmt und verändert. Globalisierung ist ein solcher Megatrend oder Alterung. Die Alterung der Gesellschaft führt dazu, dass mehr Ältere den öffentlichen Diskurs bestimmen. Und jenseits der 40 fällt die Raucherquote rapide. Dazu kommt die Debatte um die Explosion der Kosten im Gesundheitswesen, sowie eine neue Bewertung des Genusses. Mehr Menschen gehen Joggen oder ins Sportstudio. Wir entdecken sinnliche Genüsse wie das Essen neu. Und irgendwie ist es auch komisch, als umweltbewusster Mensch, der etwas gegen Klimawandel tun möchte, das eigene Mikroklima mit Schwebstoffen zu verpesten. Auf diese Weise wird Rauchen (wieder) zu einer Bildungsfrage: Rauchen wird “proll”, es gilt als Signatur der Ignoranten, der Süchtlingen, der sozial Defizitären. Die “Sozioökonomik” sagt uns, dass bestimmte Verhaltensformen als Epidemien auftreten. Bestimmte “habits” sind ansteckend wie ein Schnupfenvirus und verbreiten sich nach ähnlichen Gesetzen wie Seuchen. In einer rauchenden Umgebung vermehrt sich das Rauchen schnell; die Jungen fangen früh an, weil sie sich an den Älteren orientieren. In einer “cleanen” Welt hat unser Rauch-Verhalten Probleme. Man muss legitimieren, dass man raucht. Man wird nicht integriert, sondern isoliert, wenn man es tut. Und das erzeugt, was Rauchen eigentlich gerade bekämpfen soll: Sozialen Stress!

Gesetze laufen dem Konsens hinterher

Dass die Sache mit dem Rauchen also “kippt”, liegt nicht an den drastischen Warnhinweisen auf den Packungen, auch nicht am ständig steigenden Preis. In Wahrheit auch nicht an den neuen Gesetzen (die sind nur Wirkung eines gesellschaftlichen Konsens). Es liegt daran, dass Menschen das Verhalten anderer Menschen kopieren. Im Schlechten, aber auch im Guten. Und dass sich die kulturellen Muster und Werte in unserer Kultur langsam, aber stetig verfeinern. Auch wenn alle das Gegenteil behaupten. Und manchmal, plötzlich, wird alles besser.

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