Amerikas Selfie

von Lukas Hermsmeier24.08.2014Außenpolitik

Der Fall Michael Brown zeigt: Da war ja noch was. Und zwar Rassismus. Wieso die Proteste nie zu Ende gehen dürfen.

Das Brewhouse in Ferguson Downtown ist an diesem Donnerstagabend gut besucht. Jeder zweite Tisch ist besetzt, bestimmt 50 Menschen schmachten das Fleisch an, das sich in perversen Mengen auf ihren Tellern stapelt. Chickenwings, Western BBQ Burger, Steaks, Jamaican Pork Pizza, dazu Craft Bier. Rund 50 Menschen essen, trinken, quatschen. Sie sind alle weiß.

Nur wenige Meter weiter nördlich, vor der örtlichen Polizeiwache, stehen zur selben Zeit circa 20 Demonstranten. Sie rufen: „We are Mike Brown.“ Sie halten Schilder hoch: „No justice, no peace.“ Sie verteilen T-Shirts, auf denen steht: „Stop killings us.“ 20 Demonstranten. Sie sind alle schwarz.

Am 9. August wurde in Ferguson der 18-jährige Afroamerikaner Michael Brown getötet. Der weiße Polizist Darren Wilson schoss sechs Mal auf den Jugendlichen – zwei Mal in den Kopf. Ob es Notwehr war oder Kontrollverlust oder irgendetwas dazwischen, soll jetzt ein Geschworenengericht klären. Gut möglich, dass der Beamte freigesprochen wird. Fest steht: Seit dem 9. August herrschen in den USA die größten Rassenunruhen seit Jahren.

„Man gewöhnt sich fast daran“

In Ferguson leben rund 21.000 Einwohner, von denen knapp 70 Prozent Afroamerikaner sind. Die Kleinstadt nahe St. Louis (Bundesstaat Missouri) ist, wie so viele in den USA, geteilt. Und das liegt nicht nur daran, dass Brauhäusern bei Farbigen keine Tradition haben.

Weiße auf der einen, Schwarze auf der anderen Seite, dazwischen ein großer Raum voller Vorurteile und Klischees. Eine Grauzone. Die Struktur Fergusons ist exemplarisch. Vorhang auf. Ferguson ist, wie es bei Twitter jemand schrieb, Amerikas Selfie.

Seit dem 9. August ist hier fast alles, und das ist keine Floskel, anders. Tag für Tag, aber vor allem Nacht für Nacht, versammeln sich die Menschen auf der Hauptstraße. Es gab Plünderungen, etliche Verhaftungen und Verletzte. Es gab Abende, da lag Tränengas fast wie selbstverständlich in der Luft. Zum Alltagsbild in dieser Kleinstadt gehörten Maschinengewehre und Molotowcocktails. Die Politik rief den Notzustand und eine Ausgangssperre aus. Schulen, Geschäfte, Behörden waren und sind geschlossen. Wie im Bürgerkrieg standen sich Demonstranten und Polizisten gegenüber. Und auch hier war die Verteilung unübersehbar. Der Großteil der Demonstranten schwarz, der Großteil der Polizisten weiß.

„Wenn ich so nachdenke, erlebe ich Rassismus eigentlich jeden Tag. Man gewöhnt sich fast daran“, sagt Dennis Johnson (56), ein schwarzer Taxifahrer aus St. Louis. „Zum Beispiel, wie unfreundlich man im Restaurant bedient wird und dann neben sich schaut, wie der Weiße behandelt wird“, so Johnson. Ist das nicht übertrieben? Jeden Tag? Man kann sich das kaum vorstellen. Vielleicht ist das das zentrale Problem: Man kann sich diese Art von Rassismus kaum vorstellen. Johnsons Vorwürfe werden von Studien belegt. So ist zum Beispiel bewiesen, dass Schwarze deutlich häufiger als Weiße aus dem Verkehr gezogen und untersucht werden.

„Weißt du, die schwarzen Jugendlichen hier sind irre. Sie machen keine gute Stimmung“, sagt der Hotel-Shuttlefahrer auf der Fahrt durch den Ort. Ob das nicht eine sehr, sehr pauschale Aussage sei? „Jaja, nicht alle“, antwortet er. „Aber viele.“ Der weiße Busfahrer würde sich wohl nie als Rassisten bezeichnen. Er würde wohl ins Feld führen, dass er auch schwarze Freunde habe. Der Busfahrer geht davon aus, dass Michael Brown den Polizisten bedroht hat. Wieso er davon ausgehe, weiß er nicht.

Waren die Hoffnungen naiv?

Barack Obama! Wenn es eine Hoffnung auf einen Wandel gab, dann hieß sie Barack Obama. Als erster Afroamerikaner wurde er 2009 zum US-Präsidenten gewählt. Verändert hat sich seither nichts, sagen die meisten Schwarzen. Waren die Hoffnungen naiv? Waren die Erwartungen unerfüllbar? Im Stadtrat von Ferguson sind vier von fünf Mitgliedern weiß. Eine schwarze Stadt, regiert von weißen Politikern. Daran kann auch Obama nichts ändern. Die Stadträte wurden schließlich gewählt. Überhaupt werden viele Gesetze in den Bundesstaaten und Countys gemacht, fern von Washington, ohne dass Barack Obama die Entwürfe je gesehen hat.

Ferguson ist überall, hört man in diesen Tagen oft. Erst vor wenigen Wochen wurde in New York City der farbige Zigarettenverkäufer Eric Garner getötet. Polizeibeamte hatten den 43-jährigen Mann unter dem Verdacht des illegalen Zigarettenhandels in Gewahrsam genommen. Garner widersetzte sich leicht, doch wie ein Handyvideo zeigt, nicht wirklich aggressiv. Das Video zeigt auch, wie die Polizisten den stämmigen Mann mit Hilfe eines Würgegriffs zu Boden hievten. Garner, der an Asthma litt, starb.

2012 wurde der 17-jährige Trayvon Martin in Florida von einem weißen Mann erschossen. Der Freispruch des Schützen sorgte für Entsetzen. Nur zwei Fälle, die sich heute deshalb zitieren lassen, weil damals darüber berichtet wurde. Wie viele Fälle verschwinden als kleine Meldungen in den Lokalblättern? Die US-Polizei gilt nicht als die transparenteste und kommunikativste Behörde dieser Welt. „Auch vor ein paar Jahren wurde ein Jugendlicher in St. Louis von einem weißen Polizisten getötet“, sagt Taxifahrer Johnson, „doch so richtig hat das damals niemanden interessiert.“

Dieses Mal ist das Interesse groß. Auch weil die Lage so eskaliert ist. Es heißt immer, die wirksamsten Proteste seien die friedlichen. Doch sind wir ehrlich: Wären die Demonstrationen in Ferguson nicht ausgeartet, würde es diesen Text hier nicht geben. Die Debatte wäre wohl schneller zu Ende gewesen. Ingo Zamperoni hätte nicht mehrere Tage in der Kleinstadt verbracht.

Es brauch keine neuen Gesetze, das haben Martin Luther King, Malcolm X, John Lewis und wie die großen Bürgerrechtler alle heißen, zum Glück schon erledigt. Die einzige Chance auf Veränderung ist die Debatte. Das Thema in der Öffentlichkeit. Bewusstsein.

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