Unternehmer werden zwar gebraucht, aber nicht mehr bewundert. Das war früher anders. Ehrhardt Bödecker

Mut im Bauch

Die Nationalmannschaft ist verunsichert, angeschlagen, gewarnt. Der Boden aufgewühlt. Gute Voraussetzungen, dass was wächst.

Was kommt nach Reus als Nächstes? Mario Götze könnte sich einen verheerenden Sonnenbrand zuziehen. Ein Angriff auf den DFB-Bus? Vielleicht kommt raus, dass Marcel Schmelzer und Kevin Volland Geld auf Portugal gesetzt haben.

Es würde passen in die Reihe der Missgeschicke, Unfälle und Fehler der vergangenen Wochen. Die Bestandsaufnahme lautet in Kürze: Trainer Joachim Löw ist führerscheinlos und so umstritten wie nie zuvor. Führungsspieler verletzt oder außer Form oder beides. Die Qualifikations- und Testspiele haben das Ego verkleinert. Das Umfeld: Wenn schon ein PR-Spaß im Drama endet…

Löw und seine Mannschaft sind gewarnt

Und jetzt auch noch der Ausfall Marco Reus’, auf den so viel gesetzt wurde. Wenige Tage vor WM-Beginn ist die Stimmung rund um die Nationalmannschaft also angespannt. Mindestens. „Schlaaaand“ ruft zurzeit niemand durch das Land (ist aber generell auch besser so). Während im Vorfeld der vergangenen Turniere Euphorie herrschte, hat man nun Angst vor einer Niederlage im Eröffnungsspiel gegen Portugal. Vielleicht ist das die Chance.

Die Rückschläge kamen zur rechten Zeit. Nicht zu früh, dass sich schon wieder Genügsamkeit einschleichen konnte. Nicht zu spät, dass sie irreparabel sind. Joachim Löw und seine Mannschaft sind gewarnt, sie sind vorbereitet. Die Spieler von Bayern und Dortmund dürften besonders angefressen sein. Real Madrid hat beiden Klubs in der Champions League die jeweiligen Schwächen demonstriert. Die Spanier haben genau gezeigt, was noch fehlt: Cleverness.

Die hätte auch bei den letzten vier Turnieren geholfen. Ja, der schwarz-rot-goldene Fußball war immer ansehnlich, von der ganzen Welt bestaunt. Aber die Ergebnisse: Dritter, Zweiter, Dritter, Dritter. Die Schultern schmerzen bereits vor lauter Schulterklopfern. Die Beine aber auch – vom Spalierstehen nach den verlorenen Endspielen. Frustrierend wie motivierend. Was den Unterschied zu Spanien und Italien ausmachte? Vielleicht das gesunde Selbstbewusstsein in den entscheidenden Momenten; das Selbstverständnis, das eigene Spiel durchzuziehen, unabhängig von Können und Taktik des Gegners. Warum verließ die Mannschaft in diesen Spielen ihren bewährten Weg? Die Erkenntnisse dieser Niederlagen müssten sich langsam zu einer beeindruckenden Weisheit summiert haben.

Auf die Führungsspieler ist kein Verlass

Ausgerechnet Lahm, Khedira, Schweinsteiger. Auf die Führungsspieler ist in diesem Sommer kein Verlass, sie sind unfit. Mal ganz abgesehen von Reus, der komplett ausfällt. Die Kollegen können sich nicht im Schatten der Großen verstecken. Was von Vorteil sein kann. So fällt mehr Licht auf Boateng, Kroos, Götze, Podolski. Vielleicht ergeht es einem dieser Spieler wie Khedira 2010. Der defensive Mittelfeldspieler nahm Ballacks Ausfall als Geschenk. Und seine Leistungen wiederum waren ein Geschenk an alle. Die schwierige Personalsituation betrifft jeden und könnte das gesamte Gebilde stimulieren. Zu mehr Zusammenhalt und Konzentration. Alle für einen statt einer (oder wenige) für alle. Jetzt erst recht.

Der 6:1-Erfolg gegen Armenien war etwas beruhigend. Doch die Testspiele gegen Polen und Kamerun haben jeden einzelnen Spieler daran erinnert, dass er sich noch verbessern muss. Der hart erkämpfte Sieg gegen Chile im Frühjahr hat bewiesen, dass man sich nicht auf Brasilien, Spanien und Italien als Hauptgegner konzentrieren sollte – gefährlich sind auch andere Teams. Und die torreichen Begegnungen mit Schweden in der Qualifikation zeigten, dass keine noch so hohe Führung Zurücklehnen gestattet. Nach den Partien der vergangenen zwei Jahre besteht also nicht die Gefahr der Selbstüberschätzung. Zum ersten Mal seit langer Zeit traut ein Großteil der Fans dem Team nicht all zu viel zu.

In der Kunst wird momentan heftig über den „Neuen Realismus“ philosophiert. Der ist auch im Sport, bei der Nationalmannschaft, angekommen. Der Boden, auf dem das Löwsche Konstrukt steht, ist aufgewühlt. Oder: gelockert, fruchtbar. Gute Voraussetzungen!

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Lukas Hermsmeier: Zeit, dass sich was dreht

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