Zeit, dass sich was dreht

Lukas Hermsmeier12.05.2014Gesellschaft & Kultur

Bayern übermächtig, Löw überfordert, Paderborn überflüssig: Der deutsche Fußball ist mies gelaunt. Doch Frust und Langeweile sind oft der beste Ansporn.

Die 51. Bundesliga-Saison war – mal ehrlich – langweilig. Die Bayern für Deutschland zu stark, für Europa zu schwach. Kein Aufsteiger, der das Konzert der Großen störte. Es fehlte das Außergewöhnliche. Am Ende wird wohl nicht mal der HSV absteigen. Ja, so unsportlich das klingen mag: Die vier Prozesstage mit Uli Hoeneß waren spannender als die 34 Spieltage.

Selbst die obligatorisch grenzenlose Vorfreude auf die Weltmeisterschaft ist getrübt. Der „Spiegel“ lässt in seiner aktuellen Ausgabe einen brennenden Fußball auf Rio de Janeiro rasen. „Tod und Spiele“ steht neben dieser auf Schülerzeitungsniveau gehaltenen Collage. Gemeint sind die Demonstrationen und Gewaltvorfälle in Brasilien. Was die meisten Deutschen aber (zugegeben: etwas zynisch) noch viel mehr beunruhigt, ist der Zustand der Nationalmannschaft. Noch vor einem Jahr schien der Titel so logisch wie die einfachste mathematische Formel. Jetzt, ein Monat vor Turnierbeginn, scheint das Aus im Halbfinale besiegelt. Bundestrainer Löw bremst die Erwartungen nicht ohne Grund. Was ist bloß geschehen?

Stets verglühte die deutsche Rakete

Die wichtigen Spieler sind außer Form oder unfit oder beides. Es fehlt ein selbstbewusster Stürmer und es fehlt Sicherheit in der Defensive. Fehlt aber nicht vor allem ein Trainer, der diese Mannschaft so einstellen kann, dass sie gegen Italien und Spanien gewinnt? Die Nationalmannschaft und Löw, das war eine schöne, erfolgreiche Geschichte. Doch die Geschichte ist spätestens im Juli beendet. Dann sollte Löw abtreten. Mit WM-Titel sowieso, wie will er das noch toppen? Und ohne eben auch. Es wäre das fünfte Turnier in Folge, bei dem wir zu den Favoriten gehören, diese Rolle auch lange bestätigen, aber in der finalen Phase untergehen. Stets verglühte die deutsche Rakete vor Eintritt in die goldene Atmosphäre.

Wer kommt danach? Thomas Tuchel wird schon gehandelt. Der 40-jährige Schwabe erklärte am Wochenende seinen Abschied aus Mainz. Er steht wie kaum ein anderer deutscher Trainer für das, was der DFB braucht: Innovation, Leidenschaft, Akribie. Wer Tuchel fehlende Behauptung auf Champions-League-Niveau vorwirft, sollte sich Löws Biografie vor Augen führen. Der wurde 1997 Pokalsieger mit dem VfB Stuttgart, blieb dann auf mehreren Stationen in der Türkei und Österreich glücklos, ehe er zum Klinsmann-Gehirn aufstieg.

Tuchel also? Wäre da nicht der Mainzer Manager Christian Heidel. Der wurde von seinem langjährigen Partner zwar schon im Januar in dessen Ausstiegspläne eingeweiht, hat das aber erst jetzt, im Mai, realisiert. Heidel will seinen Erfolgstrainer für die nächste Saison nicht freigeben, pocht auf die Vertragslaufzeit bis 2015. Das ist weder fair noch professionell. Eine mögliche Löw-Nachfolger-Diskussion könnte also tatsächlich spannend werden.

Schon mal besser gelaunt

Was kommt danach? Paderborn. Da ist Euphorie nicht inklusive. Ob Pep Guardiola weiß, wo Paderborn liegt? Für den Trainer des FC Bayern wird es auch in der nächsten Spielzeit die größte Herausforderung sein, den Spagat zwischen unterfordernder Bundesliga und teils überfordernder Königsklasse zu bewältigen. In der zurückliegenden Saison bekam Guardiola zu spüren, dass zwischen Himmel und Hölle nicht viel liegt. Das gleiche System, das acht Monate lang als Offenbarung gefeiert wurde, wurde nach dem Aus gegen Real Madrid plötzlich zum Meta-Übel ausgemacht. Hier fehlt jedes Maß in der Bewertung. „Alles infrage zu stellen, wäre absurd. Es wird nur punktuelle Anpassungen und Veränderungen geben“, befand Günter Netzer in der „Bild am Sonntag“. Wobei Robert Lewandowski deutlich mehr als eine punktuelle Anpassung ist.

Bayern übermächtig, Löw überfordert, Paderborn überflüssig. Der deutsche Fußball war schon mal besser gelaunt. Doch vielleicht wird gerade die Mannschaft aus Ostwestfalen-Lippe das Überraschungsteam 2015. Vielleicht bringt ein Trainerwechsel bei der Nationalmannschaft dann irgendwann den erhofften Titel. Vielleicht ist Bayerns Dominanz der beste Ansporn für die anderen Teams. Wie das geht, beweist derzeit Atlético Madrid in Spanien. Der Klub kann am kommenden Wochenende aus eigener Kraft Meister werden und würde damit die unzerstörbar scheinende Dominanz von Real Madrid und Barcelona durchbrechen. Spannung!

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