Euch ist kein Heiland geboren

von Lukas Hermsmeier15.02.2014Gesellschaft & Kultur

Fulham statt Fischkopf: Trauer in Hamburg. Nur warum denken die Fans überhaupt, dass Magath den Verein gerettet hätte?

Felix Magath ist ein gefährlicher Mensch. Da ist einerseits dieser exzellente Ruf, der unverwüstlich zu sein scheint, immun gegen alle Erfolglosigkeit, dabei schon lang nicht mehr von der Realität genährt. Und andererseits dieses Machtkalkül, seine Fähigkeit, sich selbst perfekt zu positionieren.

Magath hat bei Facebook erklärt, warum die Verhandlungen mit dem Hamburger SV gescheitert sind. Zusammengefasst: Er hätte dem Verein gerne geholfen, wären da nicht all die verlogenen und egozentrischen Menschen, dieses unüberschaubare, unlösbare Klubkonstrukt. 25 Stunden später erklärte Magath – wieder bei Facebook – warum er neuer Manager beim FC Fulham werde. Tradition, Arbeitsumfeld, Vorstand – das passe hier alles.

Wow. Das muss man erst mal sacken lassen

Für mich noch unbegreiflicher ist die Stimmung dieser Tage in Hamburg. Die Fans, selbst die gedankenvollen, reagierten auf Magaths Absage fast unisono betroffen. Schon im Vorfeld schien jedem sonnenklar, dass nur der 60-jährige Aschaffenburger diesen erkrankten Klub vor dem Abstieg bewahren könne. Unser Quälix. Also, wenn einer die Spieler zum Rennen und Kämpfen bringen kann, dann der Magath. Scheuchen soll er sie! Das kann nur der. Magath, der Retter. Das alte Bild.
Warum zur Hölle sind sich die HSV-Anhänger so sicher, dass Magath ihren Klub retten würde? Mich wundert diese gefühlte Sicherheit.

Ist es naive Nostalgie? Dass Magath eine Mannschaft schnell in die Spur bringen kann, bewies er – im letzten Jahrtausend. Magath schwor auf Medizinbälle, Treppenläufe und Brüllen. In Hamburg, Nürnberg, Bremen, Frankfurt, Stuttgart erfolgreich. Zumindest für eine gewisse Zeit lang, dann halfen auch Medizinbälle, Treppenläufe und Brüllen nicht mehr. Magath wurde für die großen Klubs interessant. Tatsächlich bemerkenswert war dann seine Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg 2009. Und seither?

Keine Diktatoren, keine Machos

In Wolfsburg, auf Schalke und noch mal in Wolfsburg fiel Magath dadurch auf, dass er pro Saison 20 neue Spieler einkaufte, von denen sich zwei durchsetzten. Ob zehn gesunde Profis auf der Tribüne vergammelten, schien ihm egal. Magath fuhr eine radikale, kompromisslose, engstirnige Vereinspolitik. Flexibilität bewies er nur beim Arbeitgeber. Wolfsburg oder Schalke oder Wolfsburg, ist doch wurscht. Und jetzt Fulham …

Die Voraussetzungen haben sich geändert. Wer in der Liga ist erfolgreich? Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Christian Streich, Markus Weinzierl. Keine Diktatoren, keine Machos. Trainer, die ein Team auch ohne Medizinbälle fit bekommen. Die Zeit der Magaths, Lorants und van Gaals ist vorbei. Ein Schuldirektor stellt doch im Jahr 2014 auch keinen reaktionären Pauker mit Schlagstock ein, um eine chaotische Klasse zu bändigen. Das passt nicht. Das klappt nicht.

„Es tut mir sehr leid Euch keine bessere Nachricht zu übermitteln. Mit Euch wäre ich den Weg wirklich gerne gegangen“, hat Magath bei Facebook geschrieben. Das ist ja fast schon perfide: Magath selbst malt mit an seinem eigenen Porträt. An dem Bild des einzig verbliebenen Hoffnungsträgers. Als wäre der HSV eine dreckige Wand und Magath ein Maler. Der kommt, holt seine Farbe raus, legt los, gut ist. Scheitern ausgeschlossen. Magath weiter: „An Euch alle eine Bitte: unterstützt unsere Mannschaft – ohne Wenn und Aber – im Abstiegskampf.“

Hamburger werden Magath nachweinen

Was Wohltäter Magath meint: Freunde, auch wenn ihr ohne mich absteigt – mir kann niemand vorwerfen, dass ich nicht um Solidarität für den armen Lückenbüßer gebeten hätte, der jetzt Trainer wird. Und ein Pädagoge ist der Magath auch. Hat gleich noch mal mit dem Facebook-Fulham-Posting gezeigt, was der HSV noch lernen muss. „Phantastisches Arbeitsumfeld“.

Es spricht für die Verzweiflung der Verantwortlichen, dass sie Magath überhaupt anbettelten. Dass ihnen nichts Besseres eingefallen ist. So also wird er, egal wie es ausgeht, als Sieger dastehen. Besonders, wenn der große HSV wirklich absteigen sollte (was ich nicht glaube und hoffe). Dann werden die Hamburger Anhänger die Zweite Liga beweinen und Magath nachweinen. Logisch ist das nicht.

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