Gestern egal

von Lukas Hermsmeier27.01.2014Gesellschaft & Kultur

Der gefeuerte Mirko Slomka schaut zu, wie sein Nachfolger gefeiert wird – und lächelt selig. Eine innere Ruhe, die vielen fehlt.

Mal angenommen, Ihnen wäre heute gekündigt worden. Würden Sie sich dann morgen die große Präsentation Ihres Nachfolgers anschauen? Oder: Stellen Sie sich vor, gerade frisch verlassen worden zu sein. Hätten Sie Lust, die erste, euphorische Verabredung Ihres Ex-Partners live zu erleben? Wenn Sie nicht gerade Vollblut-Masochist sind, lautet die Antwort sicher: nein.

Die Überrasschung des Spieltages

Ende Dezember wurde Trainer Mirko Slomka bei Hannover 96 entlassen. Der 46-Jährige war mitten im Weihnachts-Urlaub als er davon erfuhr. Dem Schlussstrich war ein tagelanges, unwürdiges Hängen und Würgen vorausgegangen. Kein schöner Abschied also für jemanden, der in den zurückliegenden vier Jahren aus einer grauen, kranken Truppe ein fittes, buntes Europa-Team formte.

Es war in meinen Augen die Überraschung des Spieltags: Nicht der 3:1-Sieg von Hannover beim Rivalen Wolfsburg. Sondern die personelle Konstellation. Am Spielfeldrand der neue Trainer Korkut, Zentrum des Glücks. Und auf der Tribüne Ex-Trainer Slomka, der weder gekränkt noch angefressen aussah. Slomka grinste und scherzte und wirkte fast befreit. Muss dieser Mann psychisch stabil sein!

Slomka setzte, ob bewusst oder unbewusst, ein Zeichen: Liebe Hannover-Chefs, ICH ruhe in mir, drehe nicht durch, habe die Balance. Im Gegensatz zu EUCH.

Mannschaft spielt gut: Trainer wird gefeiert. Mannschaft spielt schlecht: Trainer wird gefeuert

Denn als Slomka gefeuert wurde, standen die Niedersachsen auf Platz 13. Also nicht abgeschlagen Letzter. Sein Team hatte auch nicht zehn Spiele in Folge verloren. Und dennoch schien beim Vorstand all das vergessen, was noch vor Wochen oder Monaten gut lief. Aktionismus ist im Fußball-Geschäft mittlerweile so etabliert wie Bier und Bratwurst. Mannschaft spielt gut: Trainer wird gefeiert. Mannschaft spielt schlecht: Trainer wird gefeuert. Schwarz oder weiß, dazwischen gibt’s oft nichts.

Schuld sind auch die Medien. Borussia Dortmund ist Dritter, steht im Champions-League-Achtelfinale, schwankt derzeit aber in den Leistungen. Und eine solche Situation bewerten Journalisten völlig selbstverständlich, fast reflexartig, als Krise. Und Jos Luhukay, der Hertha-Trainer. Wurde von den selben Journalisten im Frühjahr gefeiert (Aufstieg), im Spätsommer kritisiert („Krise“) und jetzt wieder gefeiert (Hochphase). Mal guter, mal schlechter Trainer, je nach Punkten? Medialer Absolutismus ohne Schattierungen.

Auch Sven Ulreich, Torhüter des VfB Stuttgart, wird momentan hinterfragt. Er patzte am Wochenende gegen Mainz. Dass Ulreich noch bis vor wenigen Spieltagen notenbester Torwart der Liga war – wen interessiert das heute schon?

Von medialen Stimmungen leiten lassen

Schuld sind aber eben nicht nur die Journalisten. Personal-Entscheidungen werden von den Vereins-Verantwortlichen getroffen. Und wenn die sich von medialen Stimmungen leiten lassen, dann sind sie erst recht fehl am Platz.

Mirko Slomka hat auf ungewöhnliche Weise am Wochenende demonstriert, dass er Hannover nicht feindlich gegenübersteht, nur weil sie ihn rausgeschmissen haben. Und genauso wenig ist ein Trainer automatisch schlecht, weil die Mannschaft fünf Plätze unter Vorjahres-Niveau steht. Und ein Verein ist nicht sofort in der Krise, nur weil es drei Niederlagen in Serie gibt.

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