Verteidigung ist der beste Angriff

Lukas Hermsmeier18.10.2013Gesellschaft & Kultur

Deutschland hat ein Abwehrproblem. Wie es besser geht, zeigt ein Team, das vor allem für die Offensive bekannt ist.

Tiki Taka, Xavi-Iniesta, Sturm und Drang. Ja, der spanische Fußball ist seit Jahren ein Gedicht, ein ganzer Gedichtsband. Die Nummer eins im Weltfußball, fast schon außer Konkurrenz. Was – natürlich – an der Offensive liegt, so heißt es gerne. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn das Geheimnis der Spanier ist die Abwehr.

Ein paar Zahlen: Spanien hat in acht WM-Qualifikationsspielen nur drei Gegentore kassiert. Insgesamt 15 Partien absolvierten sie bislang in diesem Jahr, acht Mal spielten sie zu null. Und 2012 bekam das Team des übererfolgreichen Vicente del Bosque nur in einem Spiel mehr als ein Gegentor. Das ist beeindruckend.

Volltreffer. Es geht um die Abstimmung

Beängstigend dagegen die deutsche Nationalmannschaft, die etwas zu selbstverständlich Gegentor um Gegentor um Gegentor kassiert. Mal vier (Schweden), mal zwei (Ecuador), dann wieder vier (USA), anschließend drei (Paraguay). Und am vergangenen Dienstag noch mal drei von Schweden. Gegen Mannschaften, von denen es aller Voraussicht nach keine ins WM-Finale schafft.

Kapitän Philipp Lahm wurde nach dem ambivalenten 5:3-Erfolg gegen Schweden nach der schwachen Hintermannschaft befragt. „Es geht um die Abstimmung, das braucht Zeit“, antwortete Lahm. Volltreffer. Es geht um die Abstimmung.

Bis zum WM-Start sind es nur noch acht Monate. Und hinter der Viererkette stehen genauso viele Fragezeichen wie hinter den brasilianischen Stadien. Bundestrainer Löw ändert die Formation ständig. Kaum Kontinuität, nur Lahm selbst ist gesetzt. Um die restlichen drei Plätze kämpfen Mertesacker, Boateng, Höwedes, Hummels, Schmelzer, Westermann und Jansen.

Ich möchte Joachim Löw nicht unterstellen, dass er diese Ungewissheit genießt. Und ich bin mir sicher, dass er lieber vier überragende Defensivspieler als acht mittelmäßige im Kader hat. Doch vielleicht muss sich der Chefcoach selbst zu etwas mehr Konstanz zwingen. Vielleicht sollte er schon jetzt, im Herbst 2013, eine Stamm-Viererkette bestimmen, die sich einspielen kann.

Weniger Zeit für Fehler

Bei den Spaniern sind Ramos und Piquet in der Innenverteidigung gesetzt. Klarer Vorteil. Doch ihr größter Trumpf ist der ewige Ballbesitz. Das nervtötende Hin-und-Her-Geschiebe im Mittelfeld führt zu einer absoluten Kontrolle. Der Ball wird vom eigenen Strafraum ferngehalten. Die Abwehr bekommt kaum Möglichkeiten, Fehler zu begehen.

Auch die deutschen Mittelfeldakteure besitzen die technischen Fähigkeiten, um den Ball endlos laufen zu lassen. Doch das Spiel von Löw ist nicht darauf angelegt. Der Ball geht zu schnell nach vorne – und damit zu schnell verloren.

Bereits im September mahnte Sami Khedira, dass es nicht nur um Offensivspektakel gehen dürfe. Ähnlich äußerte sich auch schon Verteidiger Mats Hummels. Die Spieler spüren, dass die Löw’sche Spielweise zwar ansehnlich, aber nur begrenzt erfolgreich ist. Ein Umdenken ist überfällig.

Lange Zeit beschwerte sich die Fußballwelt über den disziplinierten, harten Fußball der Deutschen. Dafür gibt es gewiss keinen Grund mehr. Früher war nicht alles besser, aber manches.

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