Natürlich muss die Gesellschaft beim Thema Zuwanderung auch einen gesunden Egoismus an den Tag legen. Götz Widmann

Schwer getroffen

Joachim Löw ist ein sturer Mann. Stefan Kießling ist ein sturer Mann geworden. Zu welchem Preis?

Wer Journalist ist und einem Spieler die Karriere verderben will, der muss nur eine Sache erledigen: seine Berufung für die Nationalmannschaft fordern – immer und immer wieder.

So fing das nämlich an, im Frühjahr 2012, als der Leverkusener Stefan Kießling wie eine Maschine traf, 13 Tore waren es in der Rückrunde, alles überragend, und mit jedem Treffer wurde der Druck auf Bundestrainer Joachim Löw größer. Denn nach jedem Wochenende forderten die Zeitungsredakteure in ihren Kommentaren vehementer Kießlings Nominierung. Und mit jedem Kommentar wirkte Löw genervter und bockiger. Ja, und jedes weitere Stefan-Kießling-Festival, so schien es, bestärkte Löw in der Entscheidung: Den nehm’ ich nicht mit!

Der beste deutsche Stürmer

Genau so kam es auch: Kießling durfte nicht mit zur Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Und heute, knapp anderthalb Jahre später, im August 2013? The nominees are … still not Kießling. Kein Wunder? Doch, eigentlich schon. Denn in der Saison, die dazwischen lag, übertraf sich der lange, blonde Angreifer noch mal selbst. 25 Tore und 10 Vorlagen in 34 Spielen – Kießling wurde Torschützenkönig. Mehr als der Stürmer in den vergangenen zwei Jahren richtig gemacht hat, konnte man nicht richtig machen. Stefan Kießling ist der beste deutsche Stürmer.

Doch Bundestrainer ist Jogi Löw. Und der ist ein eitler Mann. Das erkennt man nicht nur an seinen so perfekt gepflegten Haaren und maßgeschneiderten, weißen Hemden. Das erkennt man auch daran, dass er sich ungern Entscheidungen diktieren lässt. Das ließ er weder bei Torsten Frings zu, noch bei Kevin Kuranyi noch bei Michael Ballack. Charakterfest? Kompromisslos? Linientreu? Joachim Löw ist ein sturer Mann.

Klose wird 36 Jahre alt sein

Auch wenn es zu bissig klingt: Insgeheim wird sich Löw an diesem Wochenende geärgert haben. Als Zuschauer der Begegnung Leverkusen-Gladbach musste er dabei zusehen, wie der ungewollte Kießling erst ein Tor schoss, danach eins vorbereitete, anschließend den Pfosten traf, immer anspielbar war, noch ein Tor auflegte und schließlich bei der Auswechselung vom Stadion gefeiert wurde. Stefan, du nervst. Das muss sich Löw gedacht haben.

Es läuft die Saison, die von der sehnsüchtig erwarteten WM in Brasilien gekrönt wird. Deutschland wird als ein Favorit ins Turnier gehen – und das zu Recht. Im Tor haben wir ein Überangebot, das Mittelfeld ist sensationell stark besetzt, die Abwehr hat Topspieler, muss sich noch finden. Aber der Sturm?

Miroslav Klose, nach Rom ausgewandert, wird 36 Jahre alt sein. Und es ist wenig mutig, wenn man behauptet, dass unser Liebling Miro im kommenden Jahr, sagen wir mal, nicht fitter ist als bei der WM 2006. Mario Gomez, nach Florenz ausgewandert, steht in dieser Spielzeit vor der großen Herausforderung, sich in einer fremden Liga durchsetzen zu müssen. Das könnte ungemütlich werden. Und der Deutsch-Spanier war in seiner Karriere nur dann richtig erfolgreich, wenn er es gemütlich hatte.

Und dann wäre da … ach so. Da wäre niemand mehr. Kein Mittelstürmer in Löws Kader. Da wäre nur Stefan Kießling. Doch Löw weigert sich beharrlich, ihn zu nominieren. Zu groß, zu unbeweglich, kein Götze, kein Reus. Zu frech, zu selbstbewusst, kein Bender, kein Khedira. Dass gerade diese Flut an wendigen Offensiv-Leichtgewichten einen großen Vollstrecker wertvoll macht, weil auch taktisch mehr möglich ist, wird ignoriert. Ignoranz aus Prinzip. Löw würde etwas weniger davon gut tun. Und damit auch dem deutschen Spiel.

Der 29-jährige Stürmer war lange geduldig, die Erfüllung eines jeden PR-Beraters. Lange Zeit antwortete Kießling auf Nationalelf-Fragen mit einem bübischen Lächeln und dem diplomatischsten aller Sätze: „Ich kann nur meine Leistung bringen.“ Doch vor ein paar Monaten war auch beim 1,91-Meter-Schlaks Schluss mit Diplomatie. Für die USA-Reise der Nationalmannschaft stehe er nicht zur Verfügung, sagte er im Frühjahr. Notnagel bei einem Experimente-Trip, das habe er nicht nötig. Und auch nach der beeindrucken Show am zurückliegenden Sonnabend motzte er in der BILD: „Ich habe mal gesagt, das Thema ist gegessen. Nun erkläre ich noch mal – den Nationalspieler Kießling wird es unter Löw nicht mehr geben!“

Joachim Löw ist ein sturer Mann.
Stefan Kießling ist ein sturer Mann geworden.
Schade eigentlich.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lukas Hermsmeier: Mut im Bauch

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