Europa wird an Einfluss verlieren. Wolfgang Ischinger

Lang lebe der Mittelstürmer

Erst Spanien, jetzt Deutschland, bald alle? Warum das System ohne echten Angreifer keines von Dauer ist.

Der Fußball hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Die Spielweise, die Modesünden, die Taktik. Aus Standfußballern wurden Athleten, aus Schnauzbärten pink-gelbe Schuhe, aus Liberos Viererketten. Jetzt der nächste Trend: Wird der Mittelstürmer durch den Nullstürmer ersetzt?

Beim Länderspiel am Freitag in Kasachstan spielte die Nationalmannschaft ohne echten Angreifer. Konkret: Vor den beiden defensiven Mittelfeldspielern (Khedira und Schweinsteiger) wuselten vier Männer (Müller, Özil, Draxler, Götze) herum, von denen keiner klassisch im Strafraum auf die Bälle wartete. Alle vier waren mehr Vorbereiter als Vollstrecker.

3:0 stand am Ende auf der Anzeigetafel. Und für manche Zeitungen und Experten war dieses Spiel so etwas wie der Beginn einer neuen Ära. Klappt doch ohne, sagten sie. Ob sich ein mühevolles 3:0 gegen den 139. der Fifa-Weltrangliste wirklich zur Machtdemonstration einer neuen Taktik anbietet, sei mal dahingestellt.

Keine Zeitwende

Zum ersten Mal hat man das bei der EM im vergangenen Jahr gesehen. Ausgerechnet bei der Truppe, die den erfolgreichsten Fußball spielte: bei den Spaniern. Im Finale gegen Italien gab es einen vernichtend-effektiven 4:0-Sieg – ohne Stürmer. Ihr Geheimnis: Die sechs Mittelfeldspieler spielten sich so oft, so schnell und so genau den Ball zu, bis ihn irgendeiner irgendwann ins Tor passte. Ups, da stand ja gar keiner mehr.

Am Freitag war das Kein-Stürmer-System natürlich auch darin begründet, dass unserem Bundesjogi seine Lieblingsstürmer nicht zur Verfügung standen. Gomez und Klose waren verletzt. Doch Löw hatte im Vorfeld bereits mit einer solchen Aufstellung geliebäugelt – unabhängig von der Verletztenlage. Dabei wäre der Nationaltrainer von niemandem schief angeguckt worden, hätte er Stefan Kießling aufs Feld geschickt. Einen Mittelstürmer. Übrigens mit 16 Bundesliga-Toren auf dem Konto.

Erleben wir eine Zeitenwende? Ich glaube, in ein paar Jahren haben wir diese Diskussion bereits vergessen. Denn, sind wir ehrlich: Auch die Spanier hätten nicht auf einen bulligen Angreifer verzichtet, hätte es einen herausragend-treffsicheren gegeben. Trainer del Bosque hatte im vergangenen Jahr nun mal viele Weltklasse-Mittelfelddribbler und keinen einzigen Vollstrecker in Topform im Kader.

Gefragt ist, was nicht existiert

Und sollten sich jetzt doch auch andere Trainer dazu verleiten lassen, ihr System in diese Richtung umzustellen, ja dann wird das noch mal die Daseinsberechtigung der Mittelstürmer unterstreichen. Denn wenn Abwehrreihen darauf geschult sind, mit vielen 1,70-Meter-Tricksern zurechtzukommen, wird sie ein 1,90-Meter-Lauerer überfordern. Es ist doch immer so: Gefragt ist, was nicht existiert. Doch so weit wird es gar nicht kommen. Vor allem, weil ein Nullstürmer-System überhaupt nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn es die Kicker dahinter durch ihre Klasse kompensieren können. Das kann Leverkusen so wenig wie Mainz so wenig wie Finnland so wenig wie Irland. Das können nur die Spanier. Und Deutschland gegen Kasachstan.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lukas Hermsmeier: Mut im Bauch

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