Hol' mir mal 'ne Flasche Bier, sonst streik ich hier. Gerhard Schröder

Und das ist auch schlecht so

Ein 25-jähriger US-Fußballer outet sich und tritt zurück. Weil er muss. Kein Grund zur Freude also.

Wenn Großeltern das Internet entdecken, sagen sie gerne Sätze wie: „Was heutzutage alles möglich ist“. Irgendetwas zwischen Bewunderung und Befremdlichkeit, meist Ausdruck von Überforderung. Daran musste ich denken, als ich las, wie Fifa-Präsident Joseph Blatter auf das Coming-out des US-amerikanischen Fußballers Robbie Rogers reagierte. Auf Twitter schrieb der 76-jährige Blatter gestern Nachmittag: „This is 2013. Thank you.“

Wenige Stunden zuvor hatte Rogers auf seiner Homepage verkündet, dass er schwul ist. Und dass er – mit nur 25 Jahren – seine Karriere beendet. „Das ist 2013. Danke schön.“ Wofür?

Fit, aber schwul

Robbie Rogers spielte zuletzt für den englischen Drittligisten FC Stevenage, zwischen 2009 und 2011 machte er 18 Länderspiele für die USA. In den letzten zwei Jahren stagnierte die Karriere des Mittelfeldspielers. Und trotzdem: Mit 25 Jahren enden Profikarrieren nur bei zwei gerissenen Kreuzbändern und mehreren Knorpelschäden. Rogers ist fit. Aber schwul.

Wer seine Erklärung liest, spürt die Kraft seiner Erleichterung darüber, ein Jahre andauerndes, erdrückendes Versteckspiel endlich beenden zu können: „I realized I could only truly enjoy my life once I was honest.“ Doch wer seine Erklärung liest, spürt auch: Da hört jemand mit dem auf, was ihm am meisten Spaß macht und worin er richtig gut ist: Fußball spielen.

Rogers schreibt von der allgegenwärtigen Angst, sein Geheimnis könnte alle sportlichen Wünsche und Träume zerstören. Auf dem Weg zu diesem mutigen Schritt wird Rogers zu der Erkenntnis gekommen sein, dass er schwul sein kann. Oder Fußballer. Aber kein schwuler Fußballer.

Sepp Blatter hat in seinem Leben schon mehrfach bewiesen, wie sozial inkompetent und intolerant er ist. Zuletzt riet er schwulen und lesbischen Fußballfans bei der WM in Katar 2022 lieber auf sexuelle Handlungen zu verzichten. Vor etlichen Jahren wollte er den Frauenfußball retten, indem er für enge Shorts plädierte. Sepp Blatter ist ein alter Mann, neun Jahre älter als Rainer Brüderle.

„This is 2013. Thank you.“ Blatter will sagen: „Was heutzutage alles möglich ist“ – so wie die überforderten Großeltern. Nur aus Blatters Mund klingt das wie Hohn. Das könnte man sagen, wenn Rogers sich outen würde, weiter Fußball spielen dürfte und damit keine Probleme hätte. Ganz schön viel Konjunktiv. Ganz schön weit weg von der Realität.

Der Fifa-Präsident vermittelt ein Gefühl des Alles-erreicht-Habens. Gerade Blatter! Bei wem bedankt er sich? Bei der Fußball-Gesellschaft 2013? Bei der muss man sich nicht bedanken. Sepp Blatter ist der Klaus Wowereit des Fußballs. Seine Fehler und Böcke aufzuzählen, dauert zu lang. Und jeder fragt sich, warum der noch da ist, wo er ist.

„Schwul“ ist immer noch ein Schimpfwort im Fußball

Man sollte Robbie Rogers Respekt dafür zollen, so sympathisch und ehrlich mit seinen Gefühlen umzugehen. Man darf dieses Coming-out aber nicht als Zeichen einer neuen Liberalität und Gelassenheit sehen. Eins ist doch klar: Der Fußball ist längst nicht so weit, dass er Schwule verträgt. Sonst würden sich Spieler outen und nicht zurücktreten müssen.

Bei vielen Fans und manchen Spielern ist schwul ein Schimpfwort. Ausrufe wie „schwuler Schuss“ und „schwuler Schiri“ gehören zum Stadion-Alltag dazu. Niemand empört sich. Beim Einlaufen, beim Eckball, beim Abstoß – ein homosexueller Profi wäre mit Sicherheit unter Dauerbeschuss. Er könnte über nichts anderes mehr in Interviews sprechen und würde in der Dusche komisch angeguckt werden. So ist es nun mal. „Bestrafte der DFB jede homophobe Äußerung von Spielern, Trainern, Funktionären und Fans, müsste an jedem Wochenende wohl mindestens jedes zweite Fußballspiel unterbrochen werden“, hat ein „Zeit“-Redakteur mal geschrieben. Wie wahr.

Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen den Internet-überforderten Großeltern und Blatter. Die einen sehen eine fortgeschrittene Welt. Der andere malt sich eine fortgeschrittene Welt.

Weniger unsympathisch, aber genauso naiv liest sich der Kommentar des US-Torwarts Kasey Keller. Auch er nutzte Twitter, um Rogers zu unterstützen. „Ich hoffe, er weiß, dass er nicht zurücktreten muss“, schrieb er. Vielleicht hat Keller irgendwann recht.

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