Wahnsinns-Erfolg

Lukas Hermsmeier13.01.2013Gesellschaft & Kultur

Klopp, Tuchel, Streich: Wenn es bei den drei herausragenden Trainern der Bundesliga nicht läuft, sind die Schiedsrichter schuld. Warum man es ihnen verzeihen muss.

Was Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Christian Streich eint? Sie haben sich in der hartherzigen Trainer-Branche schnell einen fundamentalen Respekt verschafft – und das, obwohl sie selbst nie große Fußballer waren. Was mich an Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Christian Streich nervt? Die nach Niederlagen reflexartigen Wut-Ergüsse über die Schiedsrichter. Was ich an Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Christian Streich bewundere? Auf der einen Seite ihre Leidenschaft, das Fiebern, das man sonst nur von Fans kennt. Und auf der anderen Seite ihr Konzept, ihre Spielidee.

Und die Conclusio dieser Parallelen? Um heute ein erfolgreicher Trainer zu sein, muss man vollkommen wahnsinnig sein, viel Talent im Kopf und wenig im Bein haben.

Es ist schon auffällig, wie erfolgreich diese drei so ähnlichen Typen mit ihren Teams in der laufenden Spielzeit sind. Klopp mit Dortmund Dritter (und in der Champions League DAS Überraschungsteam), Streich mit Freiburg Fünfter, Tuchel mit Mainz Sechster. Die Tabelle gehört ihnen. Vor allem die Resultate des 39-jährigen Tuchel und des 47-jährigen Streich sind bemerkenswert. Sie beweisen auf so sympathische und attraktive Art, dass nicht die teuerste Truppe gewinnt, sondern die beste. Ohne Über-Sponsor im Rücken, ohne Stars, ohne mächtige Infrastruktur. Diese Trainer haben ihren Mannschaften ihr Konzept vermittelt. Ein Konzept, das sie sich selbst über Jahre in Jugendteams erarbeitet haben. Jürgen Klopp macht das Gleiche, nur mit einem dreimal so starken Team – drei Levels höher. Er hat aus einer sehr guten Mannschaft eine von internationalem Format gemacht – zumindest ist er gerade dabei. Klopp ist schon da, wo Tuchel und Streich bald sein können.

Am Ende gleicht sich alles aus

So weit, so respektabel. Doch für eine gemeinsame Charaktereigenschaft ernten die drei Höhenflieger keine Jubelstürme, sondern Gegenwind: ihr Jähzorn. Es vergeht kein Wochenende, an dem nicht zumindest einer von ihnen mit einem Unparteiischen aneinandergerät. Sie alle mussten dem DFB schon Geldstrafen zahlen. Wer erinnert sich nicht an die Szene, als Klopp mit aufgerissen Augen und fletschenden Zähnen einen Schiedsrichter aus einem Zentimeter Entfernung anbrüllte? Für dieses animalische Auftreten musste sich der Dortmunder Trainer entschuldigen und das zu Recht. Ich kann ständige Schiri-Nörgelei nicht ausstehen. Zu oft funktioniert sie nach dem gleichen Muster: Eine Mannschaft verliert, es gab strittige Szenen und der Mann in Schwarz bekommt – Sie ahnen es – den Schwarzen Peter zugeschoben. Weil er der natürliche Feind auf dem Platz ist. Damit verschafft man vor allem den Spielern ein Alibi für schlechte Leistungen. Denn wenn eine Fußballphrase Daseinsberechtigung hat, dann ist es die: Am Ende gleicht sich alles aus.

Doch ich muss gestehen: Meine Konsequenz hält sich in Grenzen. Ich verzeihe Klopp, Tuchel und Streich mittlerweile diese Schwäche. Sie ist ein Abfallprodukt ihres positiven Wahns. Wer mit einer solchen Leidenschaft seine Kicker zu maximalen Erfolgen treibt, der treibt auch die Schiedsrichter zum Wahn. Wer seine Spieler für spielentscheidende Fehlpässe anschnauzt, ist bei spielentscheidenden Fehlpfiffen nicht gnädig. Wer während der 90 Minuten unter Dauerstrom ist, kann den Schalter im Dialog mit den Offiziellen nicht umlegen. Entweder oder. Und entweder ist mir wesentlich lieber.

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