Agenda 2013

von Lukas Hermsmeier29.12.2012Gesellschaft & Kultur

Dauerthema Fankultur. Was passieren muss, dass der Stadionbesuch sicherer, aber nicht langweiliger wird.

Über kein Thema wurde im zurückliegenden Jahr intensiver, emotionaler und unsachlicher debattiert als über die Fankultur. Selbst der Begriff wurde zum Gegenstand eines scheinbar unauflösbaren Streites. So betrachten viele Politiker und Funktionäre das Treiben in den Kurven mehr als Fanunkultur, verkneifen sich in der Öffentlichkeit aber die feine, kleine Silbe. Die Zusammenfassung in Schlagworten: Tradition, Bedingungslosigkeit, Herzensangelegenheit gegen Kommerz, Sicherheit, Kopfangelegenheit. Damit sich die einen nicht weiter in ihre Logen und die anderen in ihre Blöcke verkriechen, müssen sich die Parteien zumindest in einem Punkt einigen: Nichts ist so fehl am Platz wie Schwarz-Weiß-Denken. Denn weder sind Ultras von Geburt an böse, noch sind Verbände heilig. Und umgekehrt genauso wenig. Das Einzige, was Schwarz-Weiß-Denken auf Dauer bewirkt, ist, dass der Fußball grau wird.

Mehr Dialog!

Der Hauptvorwurf der Ultras ist leider berechtigt: Es wird über ihre Köpfe hinweg entschieden. Am Sicherheitskonzept, das am 12. Dezember von der DFL verabschiedet wurde, wirkten viele mit: Vereine, Bund, Länder, Verbände. Nur Fanorganisationen hatten wenig Einfluss. Das ist ungefähr so, als würde man Hartz-IV-Sätze bestimmen, ohne sich im Vorfeld mit den Empfängern auseinanderzusetzen. Wer den Ultras ihre Bedeutung abschreibt und sie verdrängen will, verkennt die Situation. Sie erarbeiten Choreografien, sie denken sich Gesänge aus, sie pushen ihr Team 90 Minuten. Wie der Fußball ohne sie aussieht und sich anhört, konnte man während der Aktion „Ohne Stimme – keine Stimmung“ erleben: Es ging so enthusiastisch zu wie bei einem Basketball-Bundesliga-Spiel. Das Problem: In der Arroganz nehmen sich beide Seiten nichts. Auch die hartgesottenen Anhänger sind kaum kompromissbereit und kauen seit Jahrzehnten auf Sprüchen wie „Fußballmafia DFB“ herum. Gähn. Die Parteien sperren sich also in ihren Ideologie-Konstrukten ein, so stur, wie es sonst nur Kleinkinder und Rentner tun. Diese Mauern können nur aufgebrochen werden, indem (so abgedroschen es klingt) respektvoll miteinander geredet und zugehört wird.

Keine Pyrotechnik!

Es wird der größte Kompromiss sein, den die Ultras eingehen müssen: Pyrotechnik hat nichts im Stadion verloren. Wer einmal in einer Fankurve stand und erlebt hat, wie ein bengalisches Feuer gezündet wird, weiß, wie unkontrollierbar und gefährlich die Brennstäbe sind – oder zumindest sein können. Auf Pyrotechnik werden die Ultras in Zukunft verzichten müssen. Nicht nur, weil es ausgeschlossen ist, dass DFB und DFL in diesem Punkt einknicken. Vor allem, weil Fußball ein Massensport ist und bleiben muss. Auch Familien, Rentner und Anzugträger sollten überall sorgenfrei sitzen oder stehen dürfen. Wie ergebnisreich Kompromissbereitschaft und Dialog sind, beweist der Zweitligist Union Berlin. Dessen Fans verzichten in dieser Saison komplett auf Pyrotechnik. Und zwar weil sich die Anhänger in Köpenick grundsätzlich darauf verlassen können, dass der Verein ihre Interessen vertritt. So geschehen bei der schon angesprochenen DFL-Mitgliederversammlung Mitte Dezember, als der Klub gegen das Konzept stimmte und damit als einer der wenigen Vereine das Stimmungsbild der Fans repräsentierte.

Stabile Preise!

Wie der Fußball nicht werden darf? So wie in England. Schlechtestes Beispiel ist der FC Arsenal London. Was mal ein berüchtigter Arbeiterklub mit herausragender Stimmung war, ist heute ein blutleeres Unternehmen. 985 Pfund, also 1200 Euro kostet eine normale Dauerkarte. Unbezahlbar für einen Handwerker. Bezahlbar nur für die Elite. Anhänger der gegnerischen Fans spotten schon über die „60 Minutes Army“ vom Norden Londons. Ist die Partie nach einer Stunde entschieden, verlassen viele der Businessmen ihre Plätze, um dem Post-Abpfiff-Stau zu entgehen. Natürlich nicht, bevor sie ihre gerade erst erworbenen Klub-Kappen mit Preisschild dran am Verkaufsstand zurückgegeben haben. Nicht falsch verstehen: Wer Geld verdient, darf ins Stadion. Nur: Wer nicht so viel verdient, sollte es auch können.

Ein Entwicklung, von der selbstredend nicht nur Arsenal betroffen ist. Auch die einstigen Stimmungsgrößen Manchester United und Liverpool leben fast nur noch von ihrem Ruf. Die horrenden Preise führen dazu, dass Geringverdiener lediglich in die Kneipe stapfen können, um ihr Team anzufeuern. In Deutschland darf sich die Preisspirale nicht weiter nach oben drehen. Das ist insbesondere Aufgabe der Vereine.

Bessere Kontrollen!

Wo die Bundesliga hingegen von der Premier League lernen kann, sind die Kontrollen im Stadion. Gewalttätige Besucher werden aufgrund der flächendeckenden Videoüberwachung (CCTV) sofort rausgefischt. Datenschutz? Wer keinen Krawall, sondern nur Fußball schauen will, sollte keine Probleme damit haben, wenn die Polizei filmt. Auch die englischen Ordner sind viel besser geschult und strahlen mehr Autorität aus. In Deutschland stehen oft 18-jährige Schüler im Publikum und sollen für Ordnung sorgen. Wen wundert es, dass das nicht funktioniert? Bei Premier-League-Spielen halten sich die Fans an Regeln, weil es Instrumente gibt, die die Einhaltung der Regeln kontrollieren. Es ist wie auf S-Bahnhöfen: Personelle Präsenz und Videoüberwachung schrecken Straftäter ab.

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