Das ist eine klassische journalistische Behauptung. Sie ist zwar richtig, aber sie ist nicht die Wahrheit. Helmut Kohl

Im Modus verloren

Franz Beckenbauer hatte recht: Die Europa League ist ein Cup der Verlierer. Daran ändert auch der deutsche Erfolg nichts.

Was haben wir uns diese Woche selbst gefeiert: Alle sieben deutschen Teams überwintern im Europapokal. Ein Novum, entsprechend stolz könne man auf die Bundesliga sein. Ist ja auch alles richtig. Nur bestätigt sich trotz dieses Erfolges immer aufdringlicher eine Weisheit der Vergangenheit: die Europa League ist ein Cup der Verlierer.

Als dieser Wettbewerb noch UEFA Cup hieß, verunglimpfte ihn Franz Beckenbauer in den 90er-Jahren mit sympathischster Arroganz. „Cup der Verlierer“, die Worte sind unvergessen. Dabei wollte der Ehrenpräsident des FC Bayern München voll Angstfrust nur eines loswerden: Sein Verein muss in der Champions League spielen, jedes Jahr, um jeden Preis, ohne Wenn und Aber.

Bestrafung für die Folgesaison

Aus der Bundesliga haben es in diesem Jahr Hannover 96, Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach, sehr souverän, und der VfB Stuttgart, sehr glücklich, in die Zwischenrunde geschafft. Alle vier Teams dürfen (oder müssen?) im Februar auf internationaler Bühne weiterkicken. Sorgen bereitet der Liga-Alltag. Während die Gladbacher in der vergangenen Saison mit dem Siegen nicht mehr aufhören wollten und auf einem bemerkenswerten vierten Platz landeten, sind sie aktuell im grauen Mittelmaß versunken. Genauso Hannover, die im Sommer immerhin Siebter wurden, derzeit aber nur auf Platz 12 gammeln. Auch der VfB Stuttgart ist noch auf der Suche nach sich selbst. Zwischen Abstiegs- und Königsklassen-Fußball liegt bei den Schwaben nicht viel, die Fans sind skeptisch – ja, das ist ihre DNA. Die Ursachen dieser Formschwächen und -schwankungen sind natürlich vielfältig. Doch für alle Vereine gilt: Die Europa League ist eine extreme Belastung, die nur Kader entsprechender Quantität und Qualität aushalten.

Das Problem: Das Geld dafür haben die Teilnehmer meist nicht. In der Europa League verdient man lange, lange kaum etwas. Ein Beispiel: Beim letzten Gruppenspiel der Stuttgarter gegen Molde FK kamen nur 15.000 Zuschauer ins Stadion. Und die Fernseheinnahmen sind verglichen mit der Champions League ebenfalls ein Witz. Erst ab dem Viertelfinale fängt dieser Cup an, finanziell attraktiv zu werden. Bloß bis dahin schaffen es die wenigsten – und wenn, haben sie auf dem Weg oft zu viel Power eingebüßt.

Ich meine damit die quälenden Sonntags-Spiele gegen ausgeruhte Gegner, nur drei Tage nach den Euro-Auftritten. Es ist doch schade, dass die Vereine ein ganzes Jahr dafür ackern, dass sie Fünfter, Sechster oder Siebter werden, so die Qualifikation für die Europa League schaffen, um in der Folgesaison dafür bestraft zu werden.

Donnerstagabend-Spiele unter der Würde

Als Beckenbauer schimpfte, war der UEFA Cup sogar noch attraktiv. Im K.o.-System wurde damals gespielt. Dann wurde auf Gruppen umgestellt, aber immerhin mit nur 32 Vereinen. Mittlerweile ist der Modus komplett aufgebläht. 48 (!) Teams duellierten sich in der gerade abgeschlossenen Gruppenphase. Sagen wir so: Es waren nicht nur Zuschauermagneten dabei. Oder kennen Sie Ironi Kiryat Shmona, Videoton FC Szekesfehervar und Academica Coimbra? Dieser Pokal braucht also dringend eine Entschlackung. Sonst bleibt er ungefähr so interessant wie das Fußball-Turnier bei Olympia. Und sonst wird er auch in Zukunft mehr Verlierer als Gewinner produzieren.

Oft wird gesagt, dass die Europa League dann Fahrt aufnimmt, wenn die Drittplatzierten aus der Champions League dazustoßen. Schön wär’s. Denn so groß die Namen auch sind, so schnell verabschieden sie sich wieder aus dem Wettbewerb. In der vergangenen Spielzeit schaffte es nur eine von acht versetzten Mannschaften (darunter Manchester City, Manchester United, Ajax Amsterdam) ins Viertelfinale der Europa League. In diesem Jahr wird es wohl wieder so laufen. Für den FC Chelsea London sind die Donnerstagabend-Spiele unter der Würde. Das meinte Beckenbauer damals.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lukas Hermsmeier: Mut im Bauch

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