Magersucht wird nicht ernst genommen. Nora Burgard

Denn er weiß nicht, was er tut

Welcher Bundesligist auch immer Lothar Matthäus als Erstes einen Trainerjob anbietet: selbst schuld.

Es ist dieser eine Satz, der über Lothar Matthäus alles erzählt: „Sie sollen mich in dieser Doku so kennenlernen, wie ich wirklich bin und nicht, wie ich häufig dargestellt werde.“ Gesprochen hatte ihn der 51-Jährige selbst, und zwar kurz bevor der Fernsehsender Vox im Sommer eine sechsteilige Reality-Show namens „Lothar – immer am Ball“ ausstrahlte. Und wie lernten ihn die Zuschauer kennen? Als einen Joghurt sortierenden, Austern schlürfenden, bemühten, spendablen, bemitleidenswerten, schnell gereizten, übereitlen, herablassenden Menschen, der von einem Unglück ins andere rennt. Die So-ist-Lothar-wirklich-Erfahrung übertraf die allerschlimmsten Erwartungen.

Vorigen Mittwoch geschah das Unvermeidliche

Nein, nein, nein, nicht schon wieder. Es war gerade mal drei Tage her, dass Zweitligist 1860 München Trainer Reiner Maurer beurlaubte, da geschah am Mittwoch das Unvermeidliche: Matthäus brachte sich als Nachfolger ins Gespräch. „Ich liebe München. Ich kenne 1860 und die 2. Liga. Natürlich wäre es schön, mich auch in Deutschland als Trainer zeigen zu dürfen“, sagte der derzeit arbeitslose Trainer zu Sky. Und wieder einmal wusste Matthäus nicht, was er tut. Und wie das, was er tut, wirkt. Das wusste er noch nie. Noch viel schlimmer: Es gibt niemanden, der all das verhindert.

Ich bin gespannt, welcher Bundesligist als Erstes so arg die Orientierung verliert, dass er Lothar Matthäus einstellt. Bislang waren es entweder die Vereinsfunktionäre selbst oder die Fans, die das zu verhindern wussten. Natürlich: Sowohl Matthäus als auch sein Berater Wim Vogel haben schon oft betont, dass bereits Angebote aus der ersten deutschen Liga abgelehnt wurden. Nur: Wie passt das zu der peinlichen Anbiederung, die Matthäus regelmäßig in aller Öffentlichkeit vornehmen muss, zusammen? Natürlich zero, so wie alles in seinem Post-Spielfeld-Leben.

Weil sich der deutsche Fußball gegen Trainer Lothar noch erfolgreich wehrt, durfte sich der ehemalige Libero bis dato nur im Ausland ausprobieren. In Österreich, Serbien, Ungarn, Brasilien, Israel und Bulgarien. Nirgendwo blieb er länger als zwei Jahre. Mal ging er im Streit, mal aus persönlichen Gründen, mal wurde er gefeuert, mal schmiss er hin. Zwischendrin trainierte der Rekordnationalspieler für RTL2 die Amateurmannschaft Borussia Banana. Nun ja. Sein Misslingen als Trainer und seine Erfolge als Kicker stehen sich diametral gegenüber. Zwei Welten, die von Job zu Job mehr auseinanderdriften.

Zugegeben, es ist keine große Kunst, auf Matthäus draufzuhauen. Und es gibt auch nicht wenige Journalisten, die sagen: Gebt dem mal eine Chance in der Bundesliga, erst dann könne man sein Trainer-Talent auch wirklich beurteilen. Mir reicht „Lothar – immer am Ball“.

Der schrille Misserfolg Matthäus’ steht für den Wandel im Trainergeschäft. Ob Lucien Favre, Thomas Tuchel, Christian Streich oder Mirko Slomka: Immer mehr Trainer können nicht auf eine imposante Profi-Karriere zurückblicken, dafür auf eine gute Ausbildung. Sie haben in Jugend-Mannschaften Erfahrungen gesammelt, sich taktisches und psychologisches Wissen angeeignet, sich so hochgearbeitet, über Jahre. Und nicht einfach nur Fußball gespielt. Der einzige Grund, warum sich Matthäus überhaupt Trainer nennen darf, ist sein Talent in den Beinen.

Man muss Berater Wim Vogel dankbar sein

Matthäus’ Berater Wim Vogel, der für die Agentur „die sportmanufaktur“ arbeitet, trat bislang immer nur dann in Erscheinung, wenn er die Menschheit darüber informieren musste, dass die Beziehung seines Klienten vorbei ist. In der Vox-Sendung spielt er auch eine Rolle, zu sehen war er beispielsweise mit Lothar beim Friseur. Man muss diesem Vogel dankbar sein. Würde er seinen Job als Berater besser machen, hätte Matthäus wohl schon längst einen Arbeitsplatz in der Bundesliga. Und falls ein Bundesligaklub doch irgendwann mal Lothar Matthäus einstellen sollte – Mitleid muss man nicht haben. Die Warnungen waren intensivst.

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