Der Sicherheitsmythos soll Ängste vertreiben. Ken’ichi Mishima

Drei Dimensionen, null Bock

Der Sport verändert sich, die Technik auch. Aber 3D-Animationen und Laufweg-Analysen sind nicht mehr als redundante Technikspielchen.

Halbvier heißt meine Kolumne, weil um diese Zeit, jeden Samstag, die Bundesliga beginnt: Primetime also. Doch mit den 90 Minuten ist es nicht getan, the show must go on. Von Montag bis Sonntag werden die Spiele anschließend analysiert, interpretiert, es wird philosophiert, rekapituliert. Dabei hat sich ein Trend entwickelt, der mir mächtig auf die Nerven geht: die 3D-Analyse.

Ob im Sportstudio, im Doppelpass oder bei der Spieltagsanalyse auf Sport1: Fernsehaufnahmen genügen offenbar nicht mehr. Tore, Chancen und Spielzüge werden am Computer animiert und dann stolz den Zuschauern präsentiert. Doch wofür? In den wenigsten Fällen ist das ertragreich. Ich habe das Gefühl, es geht den Sendern vielmehr darum, zu zeigen, was man drauf hat. Ich habe nichts gegen fortschrittliche Technik. Doch bitte nur dann einsetzen, wenn es auch Sinn hat.

Die 3D-Männchen werden auf dem virtuellen Grün hin und her geschoben. Was wäre passiert, wenn Mario Götze nicht nach links gelaufen wäre, sondern nach rechts? Hätte eine größere Mauer das Freistoßtor verhindern können? Fragen über Fragen, deren Beantwortung sowieso unmöglich ist. Dann werden die Computer-Spieler rot umkreist, so soll eine Überzahl-Situation veranschaulicht werden. Warum dafür nicht die normale Kameraaufnahme genommen wurde, weiß keiner. In den wenigsten Fällen (zum Beispiel bei Abseits-Entscheidungen) liefern die Animationen ein Ergebnis, das über das normale Bild hinausgeht.

Eine noch sinnlosere Idee kam der „Bild am Sonntag“. Seit dieser Saison gibt es die Laufweg-Analyse, sie hat einen schönen Platz in der Sport-Strecke. Es wird sich ein Profi herausgepickt und dessen Weg über das Spielfeld mit grünen Strichen nachgezeichnet. Wo trieb er sich während der 90 Minuten herum? Bei Vedad Ibisevic, dem Stürmer der TSG Hoffenheim, kommt dann raus, dass er „fast nur vor Gladbachs Tor zu sehen war“. Das ist bei einem Angreifer echt ein starkes Stück! Und bei Marco Reus, einem zentralen Mittelfeldspieler, befindet sich ein grünes Knäuel in der Mitte des Platzes. Überraschung!

Der Sport verändert sich, die Technik auch. Wir haben Dutzende Kameraperspektiven, können bis zum Grashalm ranzoomen, alles schön und gut. Auch die Trainer bewegen die Figürchen an ihren Taktik-Tafeln wild durch die Gegend – vor dem Spiel. Doch der Zuschauer hat nichts davon, wenn das Reale am Computer wiederholt wird – nach dem Spiel. Hinterher ist man immer schlauer, das gilt speziell für diese 3D-Auswüchse. Redundanz, schön-technologisiert. Man kann ein Spiel eben auch kaputtanalysieren.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lukas Hermsmeier: Mut im Bauch

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